|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
Bitte beachten Sie,
dass die Informationen Firmen, Medien, Presse, Gewerbetreibenden und
sogenannten Messie - Beratern nicht zur Verfügung steht und
das bei unberechtigter Kontaktaufnahme mit Personen der Selbsthilfe
unser Verein eine Abmahnung veranlasst. |
| |
Marianne
Bönigk-Schulz
Das
Messie-Syndrom
Plädoyer
für eine Blickwendung
August
2002
Danksagung
Diese Studie wäre ohne die Berichte und Gespräche
mit Messies und deren Angehörigen nicht entstanden. Dafür bin ich sehr
dankbar.
Ich danke meinem Mann Manfred für seine anhaltende Geduld beim
Korrigieren meiner Rechtschreibfehler und für seine Anregungen und seine
Hilfe, z. B., aus einem Satz von mir gleich mehrere Sätze machen zu können;
auch, dass er immer zur Verfügung stand, wenn es darum ging, die Texte
lesefreundlicher zu gestalten und dafür, dass er mir immer wieder Mut
zugesprochen hat, so weiter zu machen.
Ich danke Harm. Ohne sein
spezielles Wissen und seine nachhaltig materialfordernde Art lägen die Entwürfe
sicherlich noch in einer Datei im Computer. Er hat mich mit seiner Kenntnis,
seiner intellektuellen Klarheit und seinem Vertrauen unterstützt.
Und schließlich bin ich
einer großen Zahl von Menschen dankbar, deren Anonymität ich wahren werde,
deren Erleben, Erfahrungen und Nöte in einem ganz erheblichen Maß zu
dieser Studie geführt haben.
Inhaltsverzeichnis
„Experten
in eigener Sache“.
1.
Im
Bermuda-Dreieck
des Messie-Syndroms
Die Geschichte
von Angelika
Sandra
Felton und das Messie - Erleben
Primäre
Symptome
Probleme bei der Diagnose
2. Woran
erkennt man einen Messie?
Typische
Verhaltensmuster
Qualitative Merkmale
Charakteristische Handlungsprinzipien
3.
Konzentrationsstörung und Angststörung
Stress
als
Ursache der Ablenkbarkeit
Die
Geschichte von Elvira
Häufige Symptome
Panik und Angst als
Ursache von Stress
4.
Auswirkungen auf den Alltag
Soziale
und berufliche Probleme
Schwierigkeiten bei Routinetätigkeiten
5. Ursachen
und Behandlungsmöglichkeiten
Mögliche
Ursachen
Voraussetzungen für Therapie-Ansätze
6.
Was können wir in eigener Selbst-Hilfe verändern
um das Chaos besser zu bewältigen?
Lernen, uns
wieder berühren zu lassen
7.
Der entscheidende Augenblick
Die Krise als Chance zum Neuanfang
Veränderung
setzt Sensibilität und Flexibilität voraus
Trennungsangst
als Ursache für verschüttete (Selbst) Wahrnehmung
Die
Katastrophe als erster Schritt zur Heilung
Zum Schluss eine Kurz-Geschichte.
Erwachsenwerden als Ziel
Sieben Aufgaben zur Selbst-Hilfe
Zurück
zu Inhaltsverzeichnis!
Vor
fünf Jahren habe ich mir das Schreibmaschineschreiben durch Selbstunterricht
beigebracht, und zwar als eine Möglichkeit für mich, kleinere Texte für
unsere Selbsthilfegruppe abzuschreiben. Was sich dann daraus entwickelt hat, war
so für mich nicht abzusehen gewesen: Die Dokumentation der 1. Messie
-Fachtagung, der Leitfaden für Messie-SHG, das Heft: Warum fühlen wir uns wie
gelähmt und blockiert? u.s.w.
Ich
habe diese Arbeit über das Messie-Syndrom angefangen, weil in den letzten
Jahren die fehlenden diagnostischen Kriterien und die daraus resultierenden
therapeutischen Ausrichtungen sich als wenig hilfreich für Messies erwiesen
haben. Ich muss gestehen, dass mich das sehr ärgerlich gemacht hatte.
Nach
den ersten Vervielfältigungen dieses Heftes habe ich den Text in einem Seminar
an der Universität Bielefeld den Teilnehmern zur Diskussion vorgestellt. In dem
Seminar ging es um die Einführung in Techniken wissenschaftlichen Arbeitens.
Die Teilnehmer und auch die Leiterin dieses Seminars haben mir wertvolle
Anregungen gegeben, um in dem Text deutlicher zum Ausdruck zu bringen, worum es
bei dem Messie-Syndrom geht; worum es mir persönlich geht und warum ich eine
Blickwendung für diese komplexen Probleme eines Messies für notwendig erachte.
Mein Ärger ist durch dieses Feedback glücklicherweise auch deshalb
verschwunden, weil ich mittlerweile für mich selbst akzeptieren kann, als
„Experte in eigener Sache“ über dieses Syndrom schreiben zu dürfen.
Zur
gänzlichen Einstellungsveränderung über meine Arbeit ist es während der 2.
Messie-Fachtagung in Göppingen gekommen. Meine Angst war sehr groß, nicht
angemessen auf Fragen und Anmerkungen von den Teilnehmern, die ihre Probleme
ausschließlich im Wohnbereich und in vermeintlich fehlender eigener Struktur
sehen, zu reagieren und diese unangemessen abzuwehren. Sicherlich bin ich nicht
jedem gerecht geworden. Trotz alledem habe ich aber gemerkt, dass von der überwiegenden
Mehrheit die Ursachenorientierung und die daraus resultierenden Schlüsse für
eine reifere Persönlichkeitsentwicklung, als hilfreich empfunden wurden.
Nur
lenken leider die mittlerweile vielfach erschienen Ratgeberbücher zu der
Messie-Problematik von der eigentlichen Frage ab. Diverse Anleitungen zum
Training eines vermeintlich besseren Ordnungssystems und die versuchten
selbstwertstärkenden Aussagen vernebeln den kritischen Blick auf die wahre
Ursache und täuschen die Betroffenen über ihre Situation hinweg. So wird ihnen
weisgemacht, dass sie nur tüchtig sich ins Zeug zu legen und am Riemen zu reißen
hätten, um der Unfähigkeit durch ein Training oder ein neues System
beizukommen. Dann würden sie das Ordnungssystem schon finden; ein jeder, was er
sich verdient.
Eine
Krise von dieser Größenordnung ist keine Frage mehr von Zufall, von
menschlichem Versagen, persönlicher Schuld. Hier weltfromm zu kurieren
verstellt die Aussicht, auf den Grund vorzudringen und die unverfälschte
Nachricht zu entschlüsseln, die dort in dem Messie-Verhalten zu finden ist.
Ein
Leiden von diesem Ausmaß und dieser Qualität soll uns dazu anhalten, zu sehen,
was fehlt und den Betroffenen vorenthalten bleibt. Auch wenn diese Entwicklungsmöglichkeit
genommen zu sein scheint und der Verlusterfahrung zum Trotz, kann eine Kraft
entstehen, die herausführt aus Verneblung und Betäubung und die das Richtige
herauslöst aus der Verfälschung.
Deswegen
ist eine BLICKWENDUNG nötig, zu der ich vehement aufrufen möchte.
In
unseren Messie-Selbsthilfegruppen findet Leidensarbeit statt. Das hat auf beiden
Seiten das an sich, was Lawinen haben: Da ist etwas in Bewegung geraten und will
sich im Stürzen zugleich entfesseln und mehren, will niederreißen und aufräumen,
Platz schaffen für ein anderes, das nicht war, noch nicht ist - das aus dem
Chaos kommt. „Wir entwickeln Neues
und überlegen uns ungewohnte Perspektiven.” Es bedarf der Bestätigung
im Gegenüber, wo der Einzelne sich nicht mehr allein gelassen sieht, nicht im
Stich gelassen wird mit der Bedrängnis und schon gar nicht, wenn es ihnen elend
geht: Die verlorene Hoffung wiedergewinnen, das gemeinsame Schicksal gemeinsam
erkunden und Einsichten gewinnen, die weiter helfen, auch im Verständnis der
anderen Position. Seit sie sich nicht mehr durch die Erwartungen anderer einschränken
lassen, haben sie ganz neue Fähigkeiten entwickelt. „Ich
hab` ein ungeheures Selbstbewusstsein bekommen...”
Zurück
zu Inhaltsverzeichnis!
„Experten
in eigener Sache“
Diese
Studie wurde keineswegs aus dem Blickwinkel einer wissenschaftlichen Disziplin
geschrieben. Wissenschaftliche psychologische Disziplinen neigen häufig dazu,
ihre jeweiligen Erklärungsmuster arglos auf neue Phänomene zu übertragen.
In ihren gelernten Theorien scheint so wenig Raum für
diese unbewussten und irrationalen Tiefen entspringende Motivation zu sein.
Deswegen haben Betroffene immer den Eindruck, dass diese Theoretiker bemüht
sind, einen Liter widerspenstiger menschlicher Natur in einen Halbliterkrug
ordentlicher Theorie zu pressen. Die Versuchung eines solchen Vorgehens besteht
darin, das Phänomen willkürlich den Erklärungsmustern der jeweiligen
Disziplin anzupassen.
Mir
geht es in dieser Studie um den umgekehrten Weg. Ich möchte die Erfahrungen der
Betroffenen aufgreifen, ihnen eine Stimme geben und daraus Fragen und
Voraussetzungen für wissenschaftliche Untersuchungen und künftige Therapieansätze
ableiten.
Zum
einen geht es mir um die Systematisierung von konkreten Erfahrungen Betroffener
und von konkreten Erfahrungen in der Arbeit mit Betroffenen. Zum anderen möchte
ich damit zur Entwicklung einer differenzierteren Sichtweise bei Betroffenen und
bei Therapeuten beitragen. Vor allem und an erster Stelle aber geht es mir um
Anregungen zur Selbst-Hilfe der Betroffenen.
Wenn
renommierte Wissenschaftler diesen Menschen, die sammeln und horten,
Therapieresistenz attestieren, dann verhält es sich nur so, dass diese
Wissenschaftler noch keine Kenntnis über die hilfreiche Therapie haben, vor
allen Dingen, wenn sie meinen, nur die Verhaltenstherapie sei dafür die
erfolgsversprechende Therapieform. Wenn diese Wissenschaftler die notwendigen
Kenntnisse schließlich einmal zur Verfügung haben, werden therapieresistente-
zu therapierbaren Klienten. Es handelt sich dabei aber immer noch um die gleiche
Störung, nur die Kenntnisse der Fachleute sind andere.
Mir
wurde dann klar, dass diese Fachleute, so sehr sie auch Koryphäen in ihrem Fach
sind, das Erleben dieser Störung nicht so hautnah erlebt hatten wie ich. Es ist
eben ein grundlegender Unterschied, wie wir etwas erleben oder wie etwas
theoretisch analysiert wird. Je nachdem, welche Ziele dabei verfolgt werden,
kann es zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Dabei ist es aber
sinnvoll, darüber zu sprechen, wie es funktioniert und wie es zu einer
hilfreichen Therapiemöglichkeit kommen kann.
Zurück
zu Inhaltsverzeichnis!
„Jede
Kleinigkeit verlangt von mir eine riesige Anstrengung, obwohl ich mich doch
zusammennehmen möchte. Ich schäme mich vor meinem Mann, der doch Verständnis
für mich hat. Ich kann es einfach nicht. Ein Geschirrtuch in die Hand nehmen?
Schon das geht über meine Kräfte. Ich soll kochen und möchte es auch gern
tun. Aber auch das kann ich nicht. Hunderte von kleinen Gedanken beschäftigen
mich, ohne dass ich sie in Zusammenhang bringen kann. Ich lasse alles laufen,
und mir ist dabei todlangweilig ... Irgendwann lasse ich alles fallen und
ergreife unter irgendeinem Vorwand die Flucht.“
Wenn
in den Medien vom Messie-Syndrom die Rede ist, steht die spektakuläre
Darstellung von Wohnungen im Vordergrund, die bis an die Decke vollgestopft
sind. Nach meiner langjährigen Erfahrung mit Messies ist das jedoch eher ein äußerliches
Symptom tieferliegender Störungen.
Um
die Grundstörung, an der Messies leiden, in den Blick zu bekommen, ist eine
grundsätzliche Blickwendung nötig. In meinen Augen lässt sich die
Problematik, die dem Messie-Syndrom zugrunde liegt, im wesentlichen auf vier
Kernpunkte zurückführen:
Messies sind
dadurch gekennzeichnet,
-
dass sie sich über einen langen Zeitraum blockiert und gehemmt fühlen,
-
dass sie vorgefassten Ideen verhaftet bleiben,
-
dass sie in einmal gelernten Gedanken und Reaktionen festgefahren sind,
-
dass
sie keinen Anfang und kein Ende kennen.
|
Dieses
Erleben bringt automatisch Handlungsschwierigkeiten mit sich. Man hat das Gefühl,
dass die Energie nicht ausreicht, um ganz normale Arbeiten zu verrichten.
Situationen, die ein Handeln erfordern, schrecken ab und werden vermieden. Das
betrifft Menschen, die sich selbst als „Messies“ bezeichnen, in
besonders schwerem Ausmaß und mit oft tragischen Folgen. Sie haben größere
Schwierigkeiten als andere mit dem Sortieren und mit der organisatorischen,
planerischen und zeitlichen Einschätzung von Handlungen, die eigentlich
Routinetätigkeiten sein sollten.
Diese
Unzulänglichkeit macht sich vor allem beim Umsetzen von Gedanken in Handlungen
bemerkbar. Messies planen, etwas zu tun; der Wunsch oder die Idee kann sehr
stark sein. Dann kommt eine andere Idee oder ein anderer Wunsch und noch eine
... - doch die Verwirklichung bleibt aus. „Dieses
mache ich später ... Jenes mache ich morgen ...“ Weder später noch
morgen werden die Ideen in Handlungen umgesetzt. Stattdessen kommt es immer nur
zu begrenzten, zusammenhanglosen Handlungen, die Konzentrationsstörungen und
schließlich eine dauernde Handlungsunfähigkeit nach sich ziehen. Im tragischen Endzustand wird jede
Tätigkeit unmöglich.
An
dieser Stelle möchte ich einige Bemerkungen einschieben, weil sie dazu dienen können,
die Konflikte bei dieser Störung klarer ins Blickfeld zu bringen. Dieser
zentrale innere Konflikt besteht zwischen konstruktiven und destruktiven Kräften,
also zwischen der gesunden Fähigkeit, sich zu entfalten und der gestörten -
sich bis zur Handlungslähmung zu hemmen. Wenn zum Beispiel dieser Konflikt die
Form erbarmungsloser Selbstverdammung annimmt, kann dies - und höchstwahrscheinlich
ist es auch der Fall - dazu führen, dass wir uns selbst unendlich hassen.
Dieser
Selbsthass kommt aus der Diskrepanz zwischen dem, was ich sein möchte und dem,
was ich bin. Genauer gesagt: Selbsthass dient dem Trieb, das idealisierte Selbst
zu verwirklichen, sodass eine Abhängigkeit zu den Vorgefassten Ideen und
Idealen aufrecht erhalten bleibt. Diese Selbstentfremdung kann erst durch das
Erleben von Leid - weil der Mensch sich selbst unterdrückt - zu verändernden
konstruktiveren Schritten führen. Der Mensch muss zunächst die Existenz
eigener Bedürfnisse wahrnehmen und auch zugeben.
„Die Wohnung wird zum Gefängnis,
worin das Selbst sich ohnmächtig gefangen hält und hadert, weil nicht zu
begreifen ist, was sich da derart bedrohlich zusammenballen konnte; wie sie, von
langer Hand gelenkt, herangeschlichen ist; der aufgetürmte Hürdenberg aus
lauter lächerlichen Zufälligkeiten, die sich heillos verstricken und wo nicht
zu sehen ist, wie es dann zu
beseitigen, ehe es zu spät ist.
Im Nachhinein zu zetern mit den erst
hinterher durchschaubaren Umständen, die zum Scheitern führen, verändert
nichts. Was war, hat so geschehen müssen.
Rechtzeitige Vermeidung oder Beschwichtigung, jede Art von Aussperrung
der Fragen, der Vorwürfe und Konflikte hätte die Ratten nur in den Keller
gesperrt, nicht getilgt.“
Denn
wenn der Verstand versagt oder nichts mehr zu sagen hat, schalten sie ab. Statt
die aufgebrochene Krise zu entwirren, die Konflikte zu lösen, gehen sie auf
Distanz, richten sich lustlos im sprachlichen Nebeneinander ein. „Es
gehört”, sagt Theodor W. Adorno, „zum Mechanismus der Herrschaft, die
Erkenntnis des Leidens, das sie produziert, zu verbieten.” Deswegen sparen
sie nicht mit Selbstanklage, die freilich dann leider allzu häufig in
Selbstmitleid endet, oder sie gehen auf die Flucht, brechen aus, um diese nicht
mehr zu bewältigende Welt zu meiden, oder sie laufen vor den nicht zu erfüllenden
Ansprüchen davon.
Jener
Stimme, die einem wider alle Ratio womöglich weismachen will, „dass
die Leichen im Keller anfangen zu stinken”, entgeht man durch ständigen
Zeitvertreib und geschäftiges Auf-Trab-Sein. Mag da verwesen, was will; sie hat
nichts gesehen, will nichts wissen, nichts begreifen. Eher räumt sie das Haus,
als dass sie sich zum Aufräumen und Sortieren bequemt, geschweige denn zur
Arbeit in Trauer. Geht sie davon, bar jeder Spur von Wehmut, von Bedenken, und
geht doch, die Schulter eingezogen, als schleppe sie einen Sack voll Gerümpel,
einen Stoß Akten mit dem Vermerk „Unerledigt”.
Da
lässt sich höchstens vorübergehend Quartier beziehen, beschränkt in Raum und
Zeit. Da häuft und summiert sich Wechsel auf Wechsel und der Aktenberg wächst.
Wo der eine unbearbeitet bleibt, ist der nächste Tag schon belastet, sammelt
sich nach dem Gesetz der Vermehrung „Unerledigtes” beklemmend an. Wer derart
in die Zwickmühle gerät, von allen Seiten eingekeilt, vielfach bedrängt, und
sehr wohl merkt, wie die Hände immer schwieriger freizubekommen sind, erst
recht der Blick, vom rechten Augenmaß zu schweigen, der greift in Gedanken
nur zu gern zum großen Besen, um die Bude zu fegen, zu befreien vom Gerümpel
und jeglichem Ballast, der die Aussicht verstellt, den Ausweg blockiert. Wo
nichts mehr läuft, läuft im Leerlauf vergeudete Zeit, verschachertes Leben,
Ich-Verlust.
Etwa
fünfzehn Prozent der Bevölkerung kennen Anteile des Messie-Erlebens, besonders
Situationen von Existenzangst oder der altersbedingten Angst, sich an wichtige
Dinge und Ereignisse nicht erinnern oder Dingen
nicht die richtige Wertigkeit zuordnen zu können. Zur krankhaften Ausprägung
des Messie-Syndroms mit seinen typischen Verhaltenssymptomen kommt es bei etwa
zwei Prozent der erwachsenen Bevölkerung. Das Leid des Messie-Erlebens, die
Auswirkung auf die engere Umgebung sowie die Folgen für die Angehörigen können
dramatisch sein.
Die
Beziehungen zu anderen Menschen sind verkrampfte, spannungsgeladene und hoch ängstliche
Beziehungen. Die Möglichkeit, aus gemachten Erfahrung zu lernen, ist oftmals in
Stresssituationen gehemmt und so sind Befindlichkeiten nicht nachhaltig zu verändern,
sodass diese Starrheit von der Wahrheit weg in die emotionale Unstabilität und
zu einer ganz bestimmten Geisteshaltung und zu verdrehten Wertvorstellungen führt,
die dann mit anderen Menschen nichts gemein haben müssen. Dieser Verfall der
persönlichen Wertvorstellungen bedeutet, eine Beziehung mit sich selbst führen.
Und je weiter sich Wahrnehmung und Verhalten von der Realität entfernen, desto
stärker werden die Denkprozesse beeinträchtigt. Solche gestörten Denkprozesse
basieren auf falschen Vermutungen, Verwirrung, Verzerrung, Rechtfertigung,
Illusion - und sie führen noch weiter von der Wahrheit weg.
So
werden diese Menschen mit der Zeit zunehmend selbstbezogen, isoliert, ängstlich,
verwirrt, gefühllos, dualistisch, kontrollierend, perfektionistisch,
unehrlicher zu sich selbst, tadelnd und dysfunktional. Kurz, sie können ihr
Leben immer weniger meistern.
Zurück
zu Inhaltsverzeichnis!
1.
Im Bermuda-Dreieck
des Messie-Syndroms
Ein
Nichts zu sein, das kann kein Mensch ertragen und muss doch damit leben. „Ich weiß nicht mehr, wohin ich gehöre und kann mich nirgends
festhalten...” So redet doch mit mir, sagt sie; sagt sie wortlos. Wir können
nicht reden, stumm geworden in der Trostlosigkeit. Wir sitzen zusammen und
wissen nichts zu sagen, fühlen nur diese erbärmliche Verstümmelung; ein
Nichts, das schreien will. So gehen sie meist stumm durch die Welt und blind in
ungefährer Einsamkeit. Ohne Forderung möchte sie sein, ohne Entscheidung...
Wonach sie sich sehnen, sagen sie nicht. Ihre Welt hat keinen Boden, hat sich
zugestellt mit den geronnenen, erstarrten Dingen, hat sich angefüllt wie ein Trödlerladen.
In dieser schwankenden Welt ist es muffig geworden von so viel Abgestandenem,
von so viel eingetrödelter, erstickter Geschichte. Komm mit in die Rumpelkammer
des Glücks... Zu tief sitzt die Angst, den andern zu erscheinen, wie man
wirklich ist.
Vernageltes
Haus, verrottetes Dach, morsche Wände, die der Kälte nicht standhalten, an müden
Tagen gelähmt auf bizarre und bittere Weise: Worauf noch setzen, da alles
besetzt ist, bestückt mit Dingen, die aus der Vergangenheit heraufgrüßen, die
schummrig den Ausgang blockieren. Wer nimmt mir meine Traurigkeit... wüsste ich
nur, was mir dabei Angst macht... Wir haben gelernt, wie man es macht, die
wahren Gefühle zu verbergen... auch vor uns selbst... Zu tief sitzt das
Misstrauen, verraten zu werden, ausgebeutet, erpresst, zu tief die Angst, sich
an Gefühle zu verlieren, wehrlos, in Leid verloren. Diese neue Art von
Abwehr-Syndrom zeigt, dass aus Angst vor Bindung sich jeder engeren Beziehung
mit anderen Menschen verweigert wird. Im
Spannungsfeld zwischen den widersprüchlichen Bedürfnissen nach dauerhafter
Bindung und eigener Ungebundenheit sitzt die Angst am Schalthebel der Konflikte
und entlädt sich vorzugsweise aggressiv.
Zurück
zu Inhaltsverzeichnis!
Die Geschichte von
Angelika
Angelika
leidet unter einer Tendenz zur Vermüllung und Selbstvernachlässigung. Sie
tappt weitgehend im Dunkeln, was ihr Innenleben anbelangt. Sie ist noch nicht in
der Lage, die verschiedenen Aspekte ihres unbewussten Lebens zu erkennen. Ihrer
Komplexe ist sie sich nicht bewusst. Die bewusste Wahrnehmung dessen, was in ihr
und um sie herum vorgeht, ist stark eingeschränkt. Aus diesem Grund gerät sie
in den verschiedensten Lebenssituationen aus dem Gleichgewicht. Menschen mit
einem schwachen Selbstwertgefühl sind sich im allgemeinen der tiefliegenden
Verwundungen nicht bewusst, denen sie in ihrer Kindheit ausgesetzt waren. Sie
erinnern sich nicht an das, was ihnen angetan wurde und was seitdem ihrem
negativen Selbstwertgefühl zugrunde liegt.
Insbesondere in einem Punkt leidet die bald vierzigjährige Angelika
unter einer extremen Empfindlichkeit: Sie ist unfähig, sich selbst zu
verteidigen, und ebenso unfähig, verbal auszudrücken, was sie von anderen
erwartet. Hat sie das Gefühl, sie würde geringschätzig behandelt, zieht sie
sich in ein mit Dynamit geladenes Schweigen zurück. Sie ist außerordentlich ängstlich
und würde nie wagen, die Szenen, die sich in solchen Augenblicken vor ihrem
inneren Auge abspielen, auszuleben.
So entsteht ein indifferentes Verhalten zu Menschen, von denen sie sich
ungerecht behandelt fühlt; sie sind einfach nicht für sie anwesend. Es fehlen
Möglichkeiten, eigene Gefühle auszudrücken. Anderen erscheint ihre Mimik oft
als maskenhaft, starr und bizarr. Sie fühlt sich unfähig, Neues zu erkunden
oder zu tun. Stattdessen verharrt sie in Untätigkeit und in Ablehnung der
Kontakte zu anderen.
Aus dem zwanghaften Schweigen und der Unfähigkeit, sich direkt und
offen auseinander zusetzen, entspringt eine feindselige Haltung. Es wächst die
Versuchung, den anderen versteckt anzugreifen, unauffällig abzuwerten, indirekt
zu verdächtigen und mit Hinterlist auszutricksen. Um die eigene Person
aufzuwerten, stiftet Angelika Beunruhigung und Misstrauen zwischen anderen,
zwischen Freunden oder Gemeinschaften: sie intrigiert.
Solange
Angelika sich nicht angemessen verteidigen kann und ihre Gefühle in abruptem
Schweigen verschließen muss, ist sie auf solche kompensatorischen
Verhaltensweisen angewiesen. Solche Menschen wissen sich nicht anders zu wehren
und zu helfen, als ihre Ziele und Zwecke hintenherum erreichen zu wollen - was
ihnen tragischerweise den Verlust jeglichen Vertrauens einbringt.
Wie
wir gerade feststellen können, hängt der Grad unserer Instabilität davon ab,
wie sehr wir unserer selbst und unserer Konflikte und Komplexe bewusst sind.
Eine relative Stabilität verlangt eine relative Bewusstheit. Die unbewussten
Konflikte unseres Erwachsenenlebens wurzeln alle in frühkindlichen
Anpassungsmustern. Damals, als wir uns als Kinder bestimmte Verhaltensmuster
aneigneten, waren sie notwendig und angebracht, doch unsere Lebensumstände verändern
sich immer wieder, und wir beginnen, unseren alten Verhaltensmustern zu
entwachsen. Bei Erwachsenen ist die Stabilität vom Grad des Bewusstseins abhängig.
Die Frau, von der hier die Rede ist, lebt gemäss eines solchen alten, überholten
Anpassungsmusters.
Neue,
reifere Anpassungsprozesse sind von unserer Fähigkeit abhängig, uns selbst und
die Situationen, mit denen wir konfrontiert werden, wahrzunehmen und darüber zu
reflektieren. Erst wenn diese Fähigkeit entwickelt wird, können wir bewusst
entscheiden, wie wir uns anpassen können oder wollen. Ausschlaggebend für
einen solchen reifen Anpassungsprozess ist unsere Sensibilität für das, was
sich in uns und um uns herum ereignet. Wir müssen in der Lage sein, kleine Veränderungen
in unserer Innen- und Außenwelt zu erspüren, uns der auftretenden Veränderung
und den Instabilitäten bewusst zu werden. Dann und nur dann können wir unsere
Bedürfnisse wahrnehmen und versuchen, angemessen und zufriedenstellend mit
ihnen umzugehen.
So
heißt das, dass der betreffende Mensch sich auf das Leben einlassen und es
zulassen muss, von seinen Wahrnehmungen und Erfahrungen berührt zu werden. Die
Entwicklung der Sensibilität wirkt als ein Anpassungsinstrument, damit
verschiedene Prozesse, die in uns und in der Welt ablaufen, ins Bewusstsein
gehoben werden.
Zurück
zu der Geschichte von Angelika, die in ihrer alten, nicht mehr angepassten
Ordnung beharrt und damit unflexibel und unsensibel bleibt. Sie verweigert ihre
eigene Anpassung und zwingt auf diese Weise ihre Umgebung zur Anpassung. So
kommt es nicht selten vor, dass wir in einer Familie auf jemanden stoßen, der
besonders starr und unflexibel ist. In diesem Fall wird das Problem des
Auffindens einer neuen Ordnung unweigerlich auf ein anderes Familienmitglied übertragen.
Zurück
zu Inhaltsverzeichnis!
Wie
bei vielen anderen ist auch mein Messie-Bewusstsein und Messie-Erleben durch die
Bücher von Sandra Felton im Nachhinein stark geprägt worden. Sie hat uns überhaupt
erst die Worte und Bilder gegeben - wenn auch ihre
Worte und Bilder. Wie leicht und einfach wird dort das Problem auf den
Zustand der Wohnung (und die Lösung auf die Veränderung dieses Zustandes)
reduziert!
Zu
meinem Glück hatte ich schon Anfang 1997, also noch vor dem Sandra-Felton-Boom
in Deutschland, eine Therapie begonnen, wobei der Zustand meiner Wohnung nur
eine Nebenrolle spielte. Irgendwie war mir damals intuitiv bewusst, welche
tieferen Ursachen meinen organisatorischen Defiziten zugrunde lagen: selbstquälerische
Gedanken, die aus dem Nichts auftauchten und mich unfähig machten, die
einfachsten Dinge des Alltags zu verrichten. Diese Gedanken waren negativ,
selbstabwertend, angsteinflößend und destabilisierend. Sie setzten mich einer
starken Verunsicherung aus.
Die
Berichterstattung der letzten Jahre wurde stark von Sandra Felton geprägt. Würde
ich heute eine Therapie beginnen, dann stünde sicherlich die Unfähigkeit, eine
akzeptable Ordnung in meiner Wohnung zu schaffen und aufrecht zu erhalten, im
Mittelpunkt. Ich hatte das Glück, dass spektakuläre Reportagen von vermüllten
Wohnungen damals noch nicht so verbreitet waren. So war mir noch ein eigener
Zugang zu den Ursachen meines Chaos möglich. Diese Ursachen und auch die Art
des Chaos sind für jeden Menschen etwas anderes. Nur die Folgen gleichen sich:
Die Unfähigkeit zur Ordnung betäubt uns und macht uns hilflos.
Mittlerweile
ist eine ganze Palette von Büchern erschienen, die sich ausgiebig mit dem außen
sichtbaren Symptom auseinandergesetzt haben. Diese Bücher haben ganz
entschieden zu unserem Verständnis dieser besonderen Problematik beigetragen;
nur fehlten ihm grundlegende Informationen und bestimmte Perspektiven wurden überhaupt
nicht berücksichtigt. Und gerade diese halte ich für wesentlich, um
Handlungsabläufe zu verstehen und sie dann somit veränderbar zu machen.
Wir
alle wollen Zuflucht suchen im schützenden Bereich, in dem die dringendsten Wünsche
gelten: Wärme und Geborgenheit. Ohnmächtig spürt der Mensch dann sich selbst
- vor dem gerade er sich verbergen wollte. Und darum müssen sie gehen, um
wenigstens den Traum zu bewahren, die Erinnerung nicht zu verlieren und nicht
sich selbst... und doch zu gehen mit leeren Händen. Da gibt das Gehen ihnen
einen ordnungsschaffenden Zug, da wird aufgeräumt, was sich erledigt hat, Platz
gemacht für den neuen Versuch, der sein Ergebnis schon mit sich bringt.
Nicht-Alleinsein
tilgt Einsamkeit nicht - Sehnsucht sucht Leerraum auszustaffieren mit den
Versatzstücken. Worauf es ankommt, bleibt ausgespart; Flucht in die Arbeit, in
den Rausch oder in die Gleichgültigkeit; Todstellreflex, lähmende Müdigkeit,
hektische Betriebsamkeit, Chaos der Existenz. Wo das Ich sich nach der Erfahrung
des Verlustes oder Trennung nur in seinem eigenen Zerfall behält, muss
krampfhaft aktiviert werden, was wenigstens an der Oberfläche vergessen lässt,
ablenkt von der gähnenden Leere, in die der Leidende süchtig fallen will.
Zurück
zu Inhaltsverzeichnis!
Nach
meiner Erfahrung ist die Desorganisation eher eine sekundäre Auswirkung
tieferliegender Probleme. An zentraler Stelle stehen bei der Messie-Störung die
folgenden Verhaltenssymptome:
·
Hohe
Ablenkbarkeit bei Routinetätigkeiten durch innere und äußere Reize
·
Große
Schwierigkeiten bei der Einschätzung, was wichtig und was unwichtig ist
·
Extrem
verlangsamte (oder extrem hohe) motorische, emotionale und verbale Impulsivität
·
Schwierigkeiten
in der Erinnerungs-, Handlungs- und Verhaltenssteuerung
·
Gestörter
Tag-Nacht-Rhythmus
·
Unterstellen
verächtlicher Gedanken bei anderen Menschen über die eigene Person; Tendenz,
sich zu isolieren und, bei fehlender Akzeptanz, sich anderen gegenüber
feindselig zu verhalten
Solche
Verhaltensauffälligkeiten kommen natürlich auch bei anderen Menschen vor, die
sich nicht als „Messies“ bezeichnen würden. Das Spezifische beim
Messie-Syndrom ist, dass die primären Symptome zu einem Verhalten führen, das
die Betroffenen überhaupt nicht wollen und trotzdem daran festhalten. Die primären
Symptome bestimmen, mit unterschiedlich ausgeprägten Anteilen, in ihrer
Kombination ein ganz bestimmtes Verhaltensmuster (Kapitel 2).
Zurück
zu Inhaltsverzeichnis!
Oft
erleben Betroffene, die den Weg zu Psychologen, Psychotherapeuten, Psychiatern
oder Neurologen suchen, bei den Fachleuten mangelhafte Einfühlsamkeit in die
spezielle Problematik, fehlendes Verständnis und ein falsches Bewusstsein für
den Zusammenhang äußerer Organisationsprobleme mit den dazugehörigen Gefühlen
und Empfindungen. Sie bekommen oft eine falsche Diagnose (oder gleich mehrere
falsche Diagnosen, in einem konkreten Fall im Laufe von sieben Jahren zwölf
unterschiedliche Diagnosen bei verschiedenen Therapeuten) und in der Folge die
falsche Behandlung. Häufig werden depressive oder angstneurotische Störungen,
psychosomatische Störungen, Persönlichkeitsstörungen oder soziale Störungen
diagnostiziert. Es liegt zwar auf der Hand, dass soziale Probleme und Probleme
der Persönlichkeitsfindung eine Rolle spielen. Doch bis heute scheint es keine
hinreichenden Erfahrungen in der Einordnung der Problemgründe des Klienten und
im Umgang damit zu geben. Diagnostik und Behandlung gleichen eher einem
Ratespiel.
In
der aktuellen Situation stehen einer angemessenen Diagnose schwerwiegende
Hindernisse entgegen:
-
In der
Fachwelt ist die Diagnose „Messie-Syndrom“ bisher nicht existent. In
neueren Handbüchern der Motivationsforschung oder in der
Erwachsenenpsychiatrie gibt es kaum Hinweise auf spezifische
Forschungsergebnisse. Entsprechend wird das Messie-Syndrom mit neurotischen
oder sozialen Auffälligkeiten bisher nicht als mögliche
Differentialdiagnose aufgeführt.
-
Naturgemäß
ist es schwierig, Diagnosen über Verhaltensweisen zu erstellen, die in
ihrer alltäglichen Form fast bei jedem Menschen anzutreffen sind und zur
Normalität des Lebens gehören. Hier ist sehr viel Sorgfalt nötig. Vor
allem muss die subjektive Selbsteinschätzung der Betroffenen berücksichtigt
werden und auch das Ausmaß dieser lebenseinschränkenden Verhaltensweisen,
denn es betrifft in erster Linie
Menschen, die sich selbst als „Messie“ bezeichnen.
-
Die meisten
Messies können über sich und ihre Situation nur in subjektiver Form
berichten, welche Vorstellungen sie über sich selbst haben. Oft sind sie überzeugt,
dass andere (Eltern, Kollegen, Vorgesetzte, Partner ...) an ihrem
„Fehlverhalten“ schuld sind. Diese Verantwortungsabwehr macht es schwer,
den eigenen Anteil wahrzunehmen. Es gehört zur Diagnose, diese spezielle
Abwehrstrategie zu erkennen.
-
Erschwert
werden kann eine angemessene Diagnose durch vorschnelles Verschreiben von
Amphetaminen, insbesondere dann, wenn paradoxe Reaktionen auf das Medikament
(oder auf andere aufputschende oder dämpfende bzw. beruhigende Mittel)
nicht als solche erkannt werden.
-
Einer
angemessenen Diagnose kann auch die verbreitete Annahme im Wege stehen, die
„eigentliche“ Ursache liege in einer neurophysiologischen Funktionsstörung
auf genetischer Basis. Weil genetische Begründungen auf den ersten Blick so
einfach und logisch erscheinen, können sie darüber hinaus zu Abwehr- und
Vermeidungshaltungen führen, die für Betroffene wie für Behandelnde verführerisch
sind.
-
Obwohl die
Verhaltensweisen sehr komplex sind, gibt es nur eine geringe Zahl von möglichen
Differentialdiagnosen, bei deren Abklärung von anderen psychischen Ursachen
(Depressionen, Psychosen ...) unterschieden werden kann. In der Praxis
werden deshalb die Erklärungs- und Begründungsmuster der Patienten als
widersprüchlich und paradox wahrgenommen.
-
Ein
Kennzeichen des Messie-Syndroms ist, dass es zu einer chronischen Störung führt
und aufgrund der Chronifizierung Krankheitswert bekommt. Das zeitlich
anhaltende und belastende Erleben muss deshalb in der Diagnostik
ausschlaggebend für eine therapeutische Intervention sein. Nur
hinreichendes Wissen der Therapeuten um die normalen Verhaltens- und
Erlebensweisen bei der Organisation der jeweils eigenen räumlichen und
zeitlichen Umgebung schützt vor unzutreffenden Diagnosen. Sachliches und
selbstkritisches Wissen der Betroffenen über sich selbst, verbunden mit der
entsprechenden therapeutischen Resonanz, können segensreiche Veränderungen
im sozialen Umgang des Betroffenen mit anderen Menschen bewirken.
Da
die traditionellen therapeutischen Techniken bei den meisten Messies
seltsamerweise versagen und das Problem vielleicht sogar noch verschärfen, müssen
wir die Realität eines zugrundeliegenden Prozesses (des Nicht-Handeln-Könnens)
erkennen. Bei dem Messie-Syndrom steht nicht das Symptom (Desorganisation und
das Horten) im Mittelpunkt; vielmehr liegt hier ein Automatismus von Prozessen -
wie sie die Betroffenen so nicht wollen - vor. Prozessgebundene Handlungen sind
weitaus heikler und komplizierter zu durchschauen. Oftmals sind sie in unserer
Gesellschaft integriert. Wir befinden uns derzeit noch auf einem Wissensstand,
wo wir aus allen erdenklichen Handlungsabläufen Material benötigen. Daher ist
auf die Erforschung dieser prozesssteuernden Mechanismen und auf ihre Behandlung
sehr viel Sorgfalt zu verwenden.
Wollen
wir den jeweils spezifischen Ablauf erkennen und erfassen, dann ist es sinnvoll,
sich anzusehen, welchen Einfluss und welche Verstärkungseffekte das auf die
Betroffenen ausübt, und es muss die Bedeutung des Syndroms auf den
zugrundeliegenden Prozess verstanden werden. Aber noch stehen wir mit unserem
Wissen über jene subtilen Prozesse ganz am Anfang. Der Grund liegt darin, dass
erst eine Auseinandersetzung mit dem sichtbaren Symptom erfolgt, auch weil
Betroffene immer wieder zu erkennen gegeben haben, dass das ihr eigentliches
Problem darstellt.
Zurück
zu Inhaltsverzeichnis!
2. Woran erkennt man einen Messie?
Ein
Überblick wie dieser ist immer ein Kompromiss zwischen Differenzierung und
Verallgemeinerung. Er kann den achtsamen Blick für die jeweilige konkrete,
einmalige und unwiederholbare Situation nicht ersetzen. Viele Missverständnisse
und Kontroversen beruhen darauf, dass eine objektive und sorgfältige
Detailanalyse von Therapeuten nicht mit der subjektiven Selbsteinschätzung des
Betroffenen ins Gleichgewicht gebracht wird. Was ich hier darstelle, beruht auf
eigener zweiunddreißigjähriger Erlebniserfahrung einschließlich fünfjähriger
Erfahrung in der Betreuung und Beratung von Messies.
Es
darf nicht unerwähnt bleiben, dass das beschriebene Muster vor allem das
Verhalten solcher Patienten widerspiegelt, bei denen das Leiden, sich nicht wie
andere verhalten zu können, besonders ausgeprägt ist, oder bei denen ihre
Umwelt anhaltend daran leidet. Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich nicht ausschließen,
dass das Verhaltensmuster leichter zu verändern wäre, wenn stärker Patienten
einbezogen würden, die die Symptomatik nur in milderer Ausprägung zeigen (die
die Symptome nur sporadisch erleben). Ich glaube, dass es mitunter nicht
verantwortbar ist, dass in solchen Fällen der Fokus nur auf äußere Probleme
gelenkt wird, weil bei diesen Menschen dadurch
ihre Verhaltens- und Erlebensweisen verstärkt werden können.
Zurück
zu Inhaltsverzeichnis!
Als
Folge der primären Symptome ergeben sich bestimmte Verhaltensmuster, die für
Messies typisch sind:
·
Diese
Menschen haben ein beschädigtes Ich-Bewusstsein. Sie können ihrem
Selbstkonzept, ihrer Vorstellung, wie sie eigentlich sein sollten, in der Realität
nicht gerecht werden. Dieser Mangel wird überdeckt und kompensiert durch
Perfektionsstreben, Fürsorglichkeit für andere sowie andere Mittel der
Kontrolle (Verächtlichmachen anderer, Intrigieren, Neigung zum Klatsch,
Harmoniesucht, übermäßige Freundlichkeit und Höflichkeit).
·
Sie
neigen dazu, sich zu isolieren, sich unwohl zu fühlen unter anderen Menschen,
insbesondere im Zusammensein mit Autoritätspersonen.
·
Sie
suchen nach Anerkennung. Sie würden alles tun, um Menschen dazu zu bringen, sie
zu mögen - selbst wenn alles dafür spricht, dass dieses fehl am Platz ist. Bei
fehlender Anerkennung reagieren sie mit feindseligem Verhalten.
·
Diese
Menschen lassen sich einschüchtern von persönlicher Kritik oder von
aggressiven und ärgerlichen Menschen. Sie haben Angstgefühle, in solchen
Situationen nicht angemessen reagieren zu können. Das trägt zur Überempfindlichkeit
bei.
·
Bei neuen
Beziehungen wählen diese Betroffenen im allgemeinen nicht sicher gebundene
Menschen, emotional instabile Menschen, Unstabile mit Suchtproblemen.
·
Die
Betroffenen leben ihr Leben in einer bestimmten Haltung, zum Beispiel der
Opferhaltung. Sie sind abhängig von der Situation und leben in der Re-Aktion.
Sie fühlen sich angezogen von Ähnlichen, Gleichen, in der Partnerschaft und in
Freundschaftsbeziehungen.
·
Diese
Menschen verwechseln Mitleid mit Liebe und neigen mehr zu denen, die bemitleidet
und gerettet werden können. Sie sind weniger angezogen von gesunden,
liebevollen und liebenswerten Menschen, die stark sind und Selbstvertrauen
haben.
·
Die so
betroffenen Menschen haben große Mühe, Projekte vom Anfang bis zum Ende
durchzuhalten.
Diese
Verhaltensmuster scheinen nur auf den ersten Blick zu einem ganz normalen
Verhalten zu gehören, wenn sie nicht bei den Betroffenen zu extremen inneren
Einstellungen und Bewältigungsmustern führen würden, die dann nur noch von
diesen vorgenannten Verhaltensweisen bestimmt werden.
Zurück
zu Inhaltsverzeichnis!
Messies
wissen normalerweise nur wenig über ihre Verhaltensmuster. Wie Ertrinkende
klammern sie sich an das Nicht-Wissen-Wollen. Sie denken Tag und Nacht über die
gleichen inneren Probleme nach. Sie sehen nichts anderes als die Probleme mit
dem eigenen Ich und besitzen deswegen eine stark eingeschränkte Wahrnehmungsfähigkeit.
Ihr innerer Zustand kreist ständig um affektive Probleme, die nie erledigt
wurden und aus denen sich geistige Verkrampfungen entwickelt haben. Das Ergebnis
ist eine Art von unwillkürlichem Konzentrationszustand, der drei Viertel ihrer
Gehirnkapazität blockieren kann. In der Folge verkümmern ihre menschlichen Fähigkeiten.
Ihr Lebensfeld wird in tragischer Weise eingeengt.
Jahrelanges
belastendes Erleben des Nichts-Ändern-Könnens und immer wieder erfolglose
eigene Bemühungen oder Therapien sind die Zeichen einer chronischen
Entwicklung. Viele Messies haben das Gefühl der Aussichtslosigkeit: Es lohnt
sich gar nicht erst, hart für eine ordentliche Wohnung zu arbeiten, da sie
dieses Ziel sowieso niemals erreichen werden. Die Enttäuschung über sich
selbst spielt eine Rolle, aber viel gravierender ist das lähmende Gefühl der
Vergeblichkeit. Für dieses quälende Lebensgefühl der Vergeblichkeit taucht
immer wieder das Bild des Hamsters im Laufrad auf, der bis zur Erschöpfung
rennt und doch nie von der Stelle kommt.
„Es war ihr plötzlich,
als ob sie gegen einen mächtigen Strom angehen müsse, oder gegen einen
gewaltigen und doch unspürbaren Wind, der sie einfach zurückblies. Sie stemmte
sich schräg gegen den rätselhaften Druck, zog sich an Mauervorsprüngen weiter
und kroch manchmal auf allen Vieren.“
In
dem Buch „Momo“ von Michael Ende wird noch deutlicher das Lähmende dieses
Gefühls beschrieben. Die unheimlichen grauen Herren, Zeit-Diebe von der
Zeit-Spar-Kasse, machen in der Niemals-Gasse Jagd auf Momo, die die Erwachsenen
über den Zeit-Diebstahl aufklären will. Doch in dieser Gasse herrscht ein
Zeit-Sog. Erst als sie auf Anraten der hilfreichen Schildkröte Kassiopeia rückwärts geht, kommt sie wieder mühelos von der Stelle und
entkommt den Verfolgern. Die grauen Herren in ihren schwarzen Limousinen fahren
zwar immer schneller, aber der Abstand zu Momo wird immer größer. Sie
versuchen, die Verfolgung zu Fuß fortzusetzen. Aber je schneller sie laufen,
desto größer wird der Abstand, sodass sie schließlich aufgeben.
„Nach
dem Einbiegen in die Niemals-Gasse kamen die Autos plötzlich nicht mehr vom
Fleck. Die Fahrer traten aufs Gas, die Räder jaulten, aber sie liefen am Ort,
etwa so, als ob sie auf einem fahrenden Band stünden, das mit gleicher
Geschwindigkeit in entgegengesetzter Richtung läuft. Und je mehr sie
beschleunigten, desto weniger kamen sie vorwärts. Als die grauen Herren das
merkten, sprangen sie fluchend aus den Wagen und versuchten, Momo, die sie weit
in der Ferne gerade noch erkennen konnten, zu Fuß einzuholen. Sie rannten mit
verzerrten Gesichtern, und als sie endlich erschöpft innehalten mussten, waren
sie im Ganzen gerade zehn Meter vorangekommen. Und das Mädchen Momo war
irgendwo in der Ferne zwischen den Häusern verschwunden.“
Typischerweise
werden die Verhaltensweisen von Messies durch bestimmte situative Bedingungen
verstärkt, die bei der Diagnostik sorgfältig erhoben werden müssen. Dazu gehört
ein Vergleich des Verhaltens im selbstverantwortlichen Rahmen mit dem im nicht
selbstverantworteten Rahmen (Kapitel 4).
Da
die Bedingungen dafür in der psychologischen Praxis nicht gegeben sind, kann
der Therapeut leicht das Ausmaß der Situationsabhängigkeit und das Reagieren
auf soziale Auslöser von Widerstand übersehen:
–
Widerstand der Betroffenen gegen Erwartungen anderer,
–
Widerstand gegen Fremd-Diagnose
(Der Betroffene weiß ja seine eigene „Diagnose“: Es geht einfach nicht.)
–
und der Widerspruchsgeist, der immer wieder risikoreiche Situationen im
beruflichen wie im sozialen Umfeld schafft.
Zurück
zu Inhaltsverzeichnis!
Viele
Verhaltensweisen von Messies sind nur auf dem Hintergrund dahinterliegender
(wenig realistischer) Einstellungen zu verstehen.
·
Sie
sind entweder „super-verantwortlich“ oder „super-unverantwort-lich“. Sie
versuchen, die Probleme anderer zu lösen, und erwarten von anderen, dass diese
sich für sie verantwortlich fühlen. Die Folge: Sie verlieren den Kontakt zu
sich selbst.
·
Diese
Menschen fühlen sich schuldig, wenn sie für sich selbst etwas tun oder
selbstbewusst werden. Lieber tun sie alles für andere als etwas für sich
selbst.
·
Sie
leugnen, verkleinern oder unterdrücken Gefühle aus ihrer belasteten Kindheit.
So verlieren sie die Fähigkeit, ihre Gefühle in der aktuellen Situation zu
benennen und zum Ausdruck zu bringen. Sie sind nicht in der Lage, den Einfluss
zu bemerken, den die nicht wahrgenommenen Emotionen und Gefühle auf ihr Leben
haben.
·
Diese
Menschen fühlen sich unfrei, gehemmt und abhängig von allem Möglichen. Sie
sind erschreckt bei Zurückweisung und Verlassenwerden. Sie neigen dazu,
Beziehungen einzugehen (auch zu Dingen und Sachen), die schädlich oder
nachteilig für sie sind. Die übermäßige Angst kann sie einerseits hindern,
diese schmerzvollen Beziehungen aufzugeben, andererseits hemmen, in gesunde,
lohnende Beziehungen einzutreten.
·
Die
Schwierigkeiten von Betroffenen mit tiefen Beziehungen machen deutlich, wie viel
Unsicherheit und wie wenig Vertrauen in sich und andere vorherrschen. Unklare
Grenzen führen zum Vermischen von eigenen Nöten und Emotionen und denen des
Partners.
·
Symptome
emotionsgestörter Familienhintergründe sind Leugnung, Isolierung und
Distanzierung, indirektes und kontrollierendes Verhalten sowie falsche Schuldgefühle.
Das Resultat ist chronische Hilf- und Hoffnungslosigkeit.
·
Das
ureigenste Bedürfnis dieser Menschen ist, Kontrolle zu haben. Er reagiert überstark
auf Veränderungen, über die sie keine Kontrolle haben.
Zurück
zu Inhaltsverzeichnis!
3. Konzentrationsstörung
und Angststörung
Stress als Ursache der
Ablenkbarkeit
Bevor ich sie kennen lernte, war Elvira mehrere Male an die Grenzen
ihres Chaos gestoßen und hatte auf diese Weise mit dem unbeugsamen
Ordnungsanspruch des Lebens und der Umwelt Kontakt bekommen. Sie war
sechsundzwanzig Jahre alt und hatte bereits mehrere Suizidversuche unternommen.
Sie betrat den Raum stets in einer steifen, irgendwie zombieartigen Haltung. Es
dauerte mehrere Monate, bis sie über ihr eigentliches Problem sprechen konnte.
Das Problem, dem sie sich gegenübersah, schien ihr unlösbar. Elvira sah keinen
Ausweg, und solange sie bei dieser Denkweise verharrte, standen ihr auch
wirklich keine Möglichkeiten offen. Aus ihrer Haltung ergab sich die logische
Folgerung, dass eine Veränderung und somit ein Weitermachen unmöglich sei.
Alles wirkte schwarz und hoffnungslos.
Ist man einmal von dem Gedanken überzeugt, dass aus dem Chaos niemals
Ordnung entstehen kann, so ergibt sich die weitere Logik von selbst. Elvira
hatte sich in eine statische und sterile Welt zurückgezogen, in der keine
Kommunikation mehr stattfand. Da sie sich völlig von der Welt distanziert
hatte, konnte sie ihre Schwarzweißmalerei nicht mittels realer
Lebenserfahrungen differenzieren. Sie war gewissermaßen unsensibel für die
Wirklichkeit geworden. Sie konnte Dinge, die sich in ihrer inneren und äußeren
Welt ereigneten, nicht mehr wirklich spüren. Ihr Denken, aber auch ihre
emotionale und körperliche Ausdrucksfähigkeit, waren starr und unbeweglich
geworden.
Die Fähigkeit, sich auch andere Möglichkeiten vorzustellen, wäre der
Schlüssel, der die Tür aus ihrem unnachgiebigen Eingekerkertsein öffnen würde
zu einem Dialog der jungen Frau mit ihrem Selbst und mit ihrer Außenwelt.
Es kam selten vor, dass sie sich darum bemühte, etwas, was ihr wichtig
war, zu erlangen oder zu verwirklichen. Sie verharrte in einer passiv
abwartenden Haltung. Ihr wichtigstes Bedürfnis war der Wunsch nach Entlastung
von ihrer Unsicherheit, indem sie sich unentwegt der Akzeptanz der anderen
Mitglieder in der Gruppe versicherte. Sie suchte Besänftigung, Beruhigung und
die ständige Versicherung, dass mit ihr alles in Ordnung sei. Das war ihre
einzige Möglichkeit des Umgangs mit dem Chaos, nämlich die Vermeidungstaktik.
Ihr Vermeidungsmuster, schon früh daheim gelernt, bestand darin, Signale von
anderen zu verdrängen. Bisher war es nicht möglich, die unbewussten, dem
Konflikt zugrundeliegenden Muster aufzudecken, die für das Chaos verantwortlich
sind. Erst zu einem späteren Zeitpunkt wird sie die Energie und das Interesse
aufbringen können, ihre innere Welt zu erforschen.
Emotionale
Instabilität kann als Folge von unglücklichen Lebensumständen, zu früher
Verlassenheit oder durch das Gefühl, nicht verstanden, nicht angenommen, nicht
geliebt zu sein, entstehen. Diese Kinder, die sich gern in eine Scheinwelt der
Geborgenheit flüchten und die so die Entwicklung zum Erwachsenen verpassen,
sind oft nicht in der Lage, für sich selbst zu sorgen. Sie sind in ihrer
Haltung so passiv und sie erwarten, dass andere sie versorgen, andere ihnen
Entscheidungen abnehmen und andere für sie handeln. Es fällt ihnen schwer,
Aufgaben und Projekte, die sie angefangen haben, zu Ende zu führen. Nie sind
sie sicher, dass das, was sie gerade tun, auch das ist, was sie wollen. Immer fühlen
sie sich unsicher und wissen nicht, wohin sie ihr Leben lenken sollen.
„Ja, so ist es immer. Zuerst weiß ich ganz genau, was ich eigentlich
will. Das eine spricht dafür, das andere dagegen. Ich tue das, was die anderen
von mir wollen. Dann wachsen die Widerstände. Ich habe immer weniger Energie
und Lust, die Sache zu beenden und versuche vergeblich, den Karren wieder in
Fahrt zu setzen. Dann wachsen meine Schuldgefühle. Ich resigniere und tue das,
was die anderen erwarten, oder das, was meine Schuldgefühle sagen. Doch mache
ich ständig Fehler. Jetzt gelingt mir nichts mehr. Alles, was mir wichtig und
wert wäre, ist verschwunden. Ich verpasse das Allerwichtigste.”
Diese Frau erzählt aus ihrem Alltag, in dem sich dieses Muster immer
wiederholt. Es wird dann wirksam, wenn sie etwas für sich unternehmen will. Wer
hier aufmerksam liest, wird den Widerspruch in dieser Selbstbeschreibung
erkennen können.
Solange
die Verhaltensmuster der Chaosvermeidung einigermaßen „befriedigend“
funktionieren (extreme Ordnungssysteme wie fixe Ideen, Kontroll- oder
Waschzwang, anorexie-bedingtes Ess- und Brechverhalten oder die Flucht in Drogen
oder drogenähnliche Zustände oder Alkoholabhängigkeit), verspürt der Mensch
kein Bedürfnis, nach neuen Mustern der Begegnung mit dem Chaos zu suchen. Erst
wenn die Abwehr brüchig geworden ist, wird die Überprüfung der Situation plötzlich
wichtig.
Messies
nehmen das Chaos oft gar nicht mehr wahr. Nur selten suchen sie Hilfe von außen.
Sie leben innerhalb ihres Systems, und es gelingt ihnen so gut, sich vor dem
Chaos zu verstecken, dass sie es selbst nicht mehr spüren. In solchen Fällen
reagiert dann eher die Umwelt. Das Chaos wird offenbar, wenn ein Mitglied der
Familie oder des Umfeldes spürt, dass etwas nicht mehr stimmt, und dem
Betroffenen eine Therapie nahe legt.
Zurück
zu Inhaltsverzeichnis!
Die
Konzentrationsstörung lässt Messies am Umgang mit Situationen scheitern, die
anderen völlig normal und unproblematisch erscheinen.
-
Ihnen fällt
es schwer, ruhig zuzuhören. Sie unterbrechen oft aus Angst, die Antwort auf
gerade Gesagtes zu vergessen. Sie möchten Gespräche verbal und inhaltlich
dominieren. Sie unterbrechen, stören, und was sie eigentlich erzählen,
sind Ereignisse und Begebenheiten, von denen sie vorher schon viele Male erzählt
haben.
-
Diese
Menschen sind in Gedanken ständig auf der Suche nach der Sicherheit, alles
bedacht zu haben. Sie neigen zu vorschnellen Entscheidungen (oder zu gar
keiner Entscheidung).
-
Diese
Menschen sind sehr empfindlich gegen externe Störungen des
Handlungsablaufs. Sie sind unfähig, auf Änderungen von anderen
aktiv-planerisch zu reagieren. Sie fühlen sich bedrängt und eingezwängt: „Alle
scheinen gleichzeitig etwas von mir zu wollen und sie reden auf mich ein.
Diese Lärmwelle überrollt mich. Ich bin nicht mehr fähig, zu denken oder
mich zu bewegen und will schreien: „Ruhe! Seid still! Ruhe, verdammt noch
mal!“, und ich kann es ihnen
nicht sagen, weil sie es nicht verstehen würden.“ Sie leiden unter
Stressintoleranz und fehlender Abgrenzung und haben ein ständiges Bedürfnis,
„zur Ruhe kommen“ zu können.
-
Diese
Menschen neigen dazu, wichtige Arbeiten zu vermeiden und aufzuschieben.
Diese Bewältigungsstrategie bei chronischer Hilflosigkeit beruht auf der
Unfähigkeit, ein Problem in einer neuen Weise anzugehen. Sie beginnen oft
neue Projekte und doch sie haben Schwierigkeiten, begonnene Arbeiten auch zu
beenden. „Erstaunlicherweise hatte ich die ganze Sache dann trotz des anfänglichen
Enthusiasmus für einige Tage vergessen - bis meine Frau das Durcheinander
entdeckte. „Hast Du den ganzen Müll hier liegen lassen?“ Jetzt erst
erinnerte ich mich. „Ja, aber das ist kein Abfall. Wirf es nicht weg. Ich
möchte nachher weitermachen.“ Ich kann es nicht ertragen, wenn jemand in
den Dingen, die ich noch gebrauche, herumstöbert oder sie einfach wegnimmt
oder auch nur ansieht!
-
Sie
leiden unter der unzureichenden Fähigkeit, verbal auszudrücken, was sie
wollen und empfinden. Das Defizit in der kognitiven Entwicklung scheint in
einem starken Zusammenhang zu stehen mit der Bedeutung der Sprache oder
besser mit der Fähigkeit, die eigenen Erfahrungen verbal ausdrücken zu können.
Oftmals zeichnet sich in diesen Familien ein sich selbst erhaltendes,
mehrere Generationen umfassendes Interaktionssystem aus, wobei die
Mitwirkenden einem Regel- und Verbotssystem (Sprechverbot) Loyalität
erweisen, das Kontrolle, Perfektionismus, Schuldzuweisung und Verleugnung
fordert. Diese Struktur verbietet oder vereitelt den Aufbau authentischer,
intimer Beziehungen, leistet der Geheimnistuerei und verschwommenen persönlichen
Grenzen Vorschub, flößt den Familienmitgliedern unbewusste Ängste ein,
sorgt für Chaos in deren Leben und verpflichtet sie, diese Angst in sich
selbst und ihren Kindern zu verewigen. Dieses geschieht ungeachtet der guten
Absicht und Wünsche und der Liebe, die ebenfalls Bestandteil des Systems
sein können. Dieses Erleben führt zu Kommunikationsstörungen und zu
Schwierigkeiten in der Teamarbeit. Denn in stressigen oder ängstlichen
Situationen haben diese Menschen kaum die Möglichkeit, die entsprechenden
Worte zu finden.
-
Diese
Menschen neigen in Stress-Situationen zu oberflächlichem Lesen und zu
blockiertem Erinnerungsvermögen. Wenn sie in diesen Situationen
aufgefordert werden, eine Aufgabe zu lösen, z. B. eine fremde Adresse
aufzuschreiben oder Wechselgeld auszurechnen (unverhoffte Aufgaben), so können
sie es nicht automatisch, sondern die Gedanken schweifen ab. Es kommt ihnen
fast vor, als hätten sie nie Rechnen und Schreiben gelernt. „Je
mehr ich nachdachte, desto schwerer fiel er mir, mich konzentrieren. Wenn
dann mit mir geredet wurde, konnte ich nicht innehalten, um zu verstehen,
was gesagt wurde. Erst wenn ich mich entspannte, konnte ich zuhören und
rechnen oder schreiben.“
-
Zum
Hauptproblem dieser Menschen kann es werden, dass sie sich nur noch kurz auf
etwas konzentrieren können. Es ist nicht mehr möglich, für längere Zeit
aufmerksam zu sein. „Die größten
Probleme habe ich allerdings mit meinen Gedächtnis. Ich bin extrem
vergesslich geworden, vergesse sogar Dinge, die kurz zuvor passiert sind.“
- „Manchmal betrete ich ein Zimmer aus irgendeinem Grund und stehe dann
herum, ohne mich zu erinnern, warum ich es betreten habe.“
Es
geht dabei um mehr als um einen momentanen Gedächtnisverlust, den jeder von
Zeit zu Zeit hat. Dafür geschieht es einfach zu oft. „Und in diesen
Augenblicken empfinde ich eine große Desorientierung, die mehrere Minuten
anhalten kann.“ - „Ein weiteres Problem ist mein Zeitgefühl und mein
schlechtes Gedächtnis; sie scheinen zu schwanken, sodass mein Urteils- und
Erinnerungsvermögen in ganz bestimmten Situationen beeinträchtigt zu sein
scheint.“
Zurück
zu Inhaltsverzeichnis!
Das
Hauptproblem bei der Arbeit mit dem Chaos ist die Panik, die das Chaos
hervorruft. Die Angst kann derart beherrschend sein, dass die Bearbeitung der
zugrundeliegenden Probleme eine Weile in den Hintergrund gestellt werden muss.
Betroffene sind derart von ihrer Angst überwältigt, dass zunächst einmal dafür
gesorgt werden muss, sie auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. Ob Betroffene
einen inneren Abstand zur Angst finden können, hängt vor allem davon ab, ob
der Therapeut selbst die notwendige Nähe zum Menschen mit der notwendigen
Distanz zum Chaos verbinden kann. Betroffene müssen spüren können, dass sie
mit all ihren Ängsten und Verunsicherungen angenommen sind (Stressreduzierung).
Das
Chaos ist weniger bedrohlich, wenn man sich von einer solchen mütterlich fürsorglichen
Haltung getragen fühlt. Die Zuversicht des Therapeuten, dass das Chaos den
Menschen nicht überwältigen wird, hilft, das Gefühl der Bedrohung zu mindern
(Stressreduzierung). Erst aus einer solchen relativen Sicherheit kann der Messie
zur Einsicht gelangen, dass zwar Probleme vorhanden sind, dass sie aber gelöst
werden können. Das Chaos wird endlich fassbar und die Fähigkeit gestärkt,
damit umzugehen. Ängste, die früher wie aus dem Nichts aufzutauchen schienen,
sind künftig nicht mehr unberechenbare Wegelagerer, die uns aus dem Hinterhalt
überfallen und wehrlos machen (nachhaltige Stressminderung).
Diese
Art der Annäherung an das Chaos nimmt viel Zeit in Anspruch, denn die unseren
Ängsten zugrundeliegenden Konflikte sind relativ unbewusst. Erinnerungen,
Empfindungen, Phantasien, Stimmungen, Gefühle, Assoziationen, Bilder oder Ideen
- das ist der Stoff, aus dem die Persönlichkeit gemacht ist. In all dieser
verwirrenden Vielfalt strebt das Individuum nach jeweils seiner spezifischen Kohärenz
(Stressminimierung).
Zurück
zu Inhaltsverzeichnis!
4. Auswirkungen auf den Alltag
Bereits
ein mittlerer Ausprägungsgrad der Störung führt zu ganz erheblichen Problemen
in der sozialen, beruflichen und familiären Integration. Ihr Ausmaß hängt
unter anderem von der Intelligenz der Betroffenen ab. Inwieweit die
Intelligenzstreuung bei Messies der von Nichtmessies entspricht, muss noch
untersucht werden. Es gibt hochbegabte Messies mit besonderen Fähigkeiten -
aber auch mit beträchtlichen Ängsten, sozial zu scheitern.
Die
Ausbreitung der sekundären Integrations- und Einordnungsprobleme hängt in
besonderer Weise davon ab, in welchem Ausmaß Betroffene, in ihrer eigenen
Wahrnehmung, Problemen der räumlichen und zeitlichen Desorganisation Priorität
geben. Tragischerweise steht im Bewusstsein vieler Messies das Organisatorische
und Illusorische stark im Vordergrund. Die fast immer vorhandenen Störungen der
sozialen Bindungen können nicht gesehen werden, weil das Chaos so dominant ist.
„Früher war ich voller Dynamik und immer auf Trab, aber jetzt habe ich
anscheinend keine Energie mehr. Jetzt ist das Aufstehen allein schon eine Sache,
die mich für den Rest des Tages fertig macht und ich könnte auf der Stelle
wieder ins Bett gehen.
Meine Stimmung schwankt erheblich. Manchmal bin ich fröhlich: über
alle Maßen fröhlich, sodass ich grundlos lache - dann wieder sitze ich
stundenlang einfach nur still da. Ich sitze verzweifelt vor dem Fernseher und
versuche, mich zu konzentrieren. Manchmal versuche ich mich so stark zu
konzentrieren, dass ich überhaupt nichts vom Film mitbekomme.“
„Eine
unangenehme Folge meiner mangelnden Konzentrationsfähigkeit ist die Tatsache,
dass ich durch alles Mögliche abgelenkt werde. Ich fühle, dass ich sehr leicht
meine Beherrschung verliere und darunter leidet meine Familie.“
Wir
brauchen dringend mehr Fachleute, die das Krankhafte dieser Verhaltensweisen
erkennen. Unter Berücksichtigung des Bindungsverhaltens kann die Störung verlässlich
diagnostiziert und auch behandelt werden. Aus einer zutreffenden Diagnose könnten
sich spezifische Behandlungsvoraussetzungen ergeben.
Zurück
zu Inhaltsverzeichnis!
als
Folge hoch ängstlichen Verhaltens
Die
grundlegenden Ängste, die hinter dem Verhalten von Messies stehen, haben
gravierende Folgen für den sozialen und für den beruflichen Bereich.
·
Das
Sozialverhalten von Messies ist geprägt vom „Alles oder Nichts“ - Denken
(„Alle wollen mir etwas Böses anhängen“) und
vom Freund-Feind-Denken.
·
Dem
Sozialverhalten wohnt eine ständige innere Spannung inne. Es ist geprägt von
Abwehr, Aggressions- und Feindseligkeitsbereitschaft gegenüber fehlender
Akzeptanz.
·
Messies wählen
häufig Berufe, die ihrer Intelligenz und ihren eigenen Erwartungen nicht
entsprechen. Das hat zu tun mit ihrer Angst, zu scheitern und zu versagen, und führt
seinerseits wieder zu ständiger Unzufriedenheit.
·
Sie wählen
häufig Berufe und Arbeit mit wenig Fremdkontrolle.
·
Messies
haben häufig Probleme mit Vorgesetzten, Kolleginnen und Kollegen, deren Fähigkeiten
ohne Barmherzigkeit beurteilt und verurteilt werden.
Die
Konzentrationsstörung führt in Zusammenhang mit den sozialen und beruflichen
Problemen dazu, dass ihre verzweifelten Bemühungen, den Anforderungen gerecht
zu werden, selten anerkannt werden und oft in großer Enttäuschung enden.
Anhaltende Kritik von Partnern, Kindern, Eltern oder Kollegen führt zu
zunehmend depressiven Reaktionen. Neben den frustrierenden Erlebnissen begünstigen
solche Erfahrungen andererseits eine starke
Sensibilität zur Einfühlung in andere Menschen, um auf diesem Umweg die
Kontrolle über die Situation nicht zu verlieren.
Zurück
zu Inhaltsverzeichnis!
Schwierigkeiten bei Routinetätigkeiten
Die
Symptome von Messies stehen in Zusammenhang mit Desorganisation, Sammeln- und
Horten-Müssen sowie der Unfähigkeit, Wichtiges von Unwichtigem zu
unterscheiden. Diese Symptome betreffen in erster Linie die eigene Wohnung und
die eigenen Bedürfnisse. Obwohl der Betroffene ganz anders handeln will,
scheint er im eigenen Umfeld blockiert zu sein, diese Handlungen umzusetzen.
Wenn dagegen Verwandte oder Freunde einen Messie um Hilfe bitten, vergleichbare
Tätigkeiten zu übernehmen, ist er meist sehr wohl in der Lage, zu organisieren
und zu entscheiden, was aufgehoben werden soll und was weg kann - und das sogar
ausgesprochen gut.
Dieses
ist der entscheidende Punkt zur Unterscheidung von anderen psychischen Störungen.
Die grundsätzlichen organisatorischen Fähigkeiten
sind zwar vorhanden. Sie sind jedoch auf tragische Weise blockiert, wo
Entscheidungen direkte Auswirkungen auf das eigene Erleben haben - da, wo
wir für uns selbst zuständig sind, wo wir mit unserer Eigenverantwortung
konfrontiert sind.
Messies haben Schwierigkeiten:
–
die eigene Wohnung aufzuräumen; leichte Handlungen auszuführen, die
normalerweise in die Gewohnheit übergehen.
–
alltägliche Aufgaben und die dafür nötige Zeit realistisch einzuschätzen;
ständig wiederkehrende Aufgaben zeitlich einzuschätzen.
–
bei allem, was mit Entscheidungen zu tun hat: sie erleben Ängste, wenn
sie sich von vermeintlich wichtigen Dingen trennen sollen.
–
mit noch so viel Elan begonnene Arbeiten zu Ende zu führen oder
notwendige Arbeiten zu beginnen; sie fühlen sich ratlos, das, was sie
eigentlich tun möchten, nicht tun zu können.
–
beim Sortieren all der Dinge, die sich in einem Messie-Haushalt befinden.
Sortieren bedeutet für einen Messie, sich überfordert zu fühlen, nicht
erkennen zu können, was wichtig und was unwichtig ist. Er kann die Integration
von Vorgängen in sein Leben nicht abschließen. Alles bleibt offen.
–
beim Erinnern: an den schönen Urlaub, an das, was man noch tun wollte.
Sie haben Angst, sich in einer kritischen Situation nicht an wichtige Dinge
erinnern zu können. Erst wenn es zu spät ist, kommt die Erinnerung zurück.
–
mit Zerstreutheit. Sie haben Mühe, ihre Aufmerksamkeit auf die Gedanken
zu konzentrieren, die mit der augenblicklichen Situation zu tun haben.
Stattdessen eilen ihre Gedanken oft schon weiter voraus zu späteren
Situationen. Sie leiden unter einem Zuviel an Konzentration auf andere,
vermeintlich wichtigere (weil selbstwerterhaltende) Dinge.
Ich
verzichte hier auf die spektakuläre Schilderung von Messie-Wohnungen. Der Grund
liegt darin, dass nicht zuerst eine Auseinandersetzung mit dem sichtbaren
Syndrom erfolgen sollte, auch wenn Betroffene immer wieder zu erkennen gegeben,
dass das ihr eigentliches Problem darstellt.
Desorganisation
und das Sammeln und Horten stehen im einem besonderen Kontext. Diese Dinge
einzeln zu erforschen enthält die Gefahr der falschen Hypothesen und Schlüsse.
Ich denke, die wechselseitige Beziehung zwischen Desorganisation und Horten
sollten untersucht werden. Ins Auge stechen, leider, nur allzu oft die
offenkundigen Auswirkungen von Desorganisation und Horten, und nur allzu leicht
gleiten Diskussionen und Informationen ins Voyeuristische oder ins Moralisieren
oder auch Disziplinieren ab. Wenig deutlich wird dann, wie der Kontakt zur
Realität, diesen Menschen verloren geht. Diese Menschen die furchtbare Qualen,
Selbstabwertung und eine ständige Spannung erleben, die leicht an ihren
Widerstand stoßen, zerbrechen daran oft oftmals. Denn wenn das Problem immer
wieder nur in dem Zustand der Wohnung gesehen wird, ist es natürlich schwer
einzusehen, dass z. B. innere Einstellungen zu sich selbst Ursache für dieses
Syndrom sein sollen: Auf diese Weise
entgehen diesen Menschen sämtliche Hilfen für die Bewältigung einer
Krankheit, die ihr Leben zerstören kann.
Denn
der Besitz, an den ein Messie sich krampfhaft klammert, bedeutet in Laufe der
Zeit immer mehr ein Schutz gegen innere und auch gegen gefährliche äußere Mächte
und das bedeutet, dass er beide Abwehrfunktionen so in sich vereinigt hat.
Am
Anfang des Prozesses, der sein Zustandekommen einleitet, steht zwar auch wie bei
der neurotischen Symptombildung eine reale Versagung oder Enttäuschung, nur
wird der entstandene Konflikt da noch nicht verinnerlicht, sondern bleibt an der
Außenwelt haften. Die Handlungen „Sammeln/Horten“ werden immer wieder als
Zwang bezeichnet. Sie haben auch, von außen her gesehen, eine große Ähnlichkeit
mit Zwangssymptomen (Sammelzwang), aber dieses würde auch für den Suchtbereich
gelten (Sammelsucht).
Aber
sie sind natürlich, wenn man sie näher betrachtet, keine Zwangshandlungen im
eigentlichen Sinn, denn im Vordergrund dieser Störung steht nicht das Sammeln
oder Horten, sondern das NICHTS-WEGWERFEN-KÖNNEN.
Die Angst vor einem Verlust entspricht in ihrer Struktur in keiner Weise
dem, was wir als charakteristisch für den Bau der neurotischen Symptome überhaupt
erkannt haben. Denn diese Abwehrmethode richtet sich erst einmal direkt gegen
die versagende Außenwelt.
So
ist es auch nicht verwunderlich, wenn das mühsam gehaltene Gleichgewicht
zwischen Abgewehrtem und Abwehr gestört wird, denn wenn es von außen her zu
einer Unterbrechung dieser Handlungen kommt, geschieht dasselbe wie bei der äußeren
Unterbrechung echter Zwänge.
Die
Außenwelt andererseits lässt sich in ihrem Urteil über die Normalität oder
Abnormalität solcher Schutzmechanismen wie das Horten nicht von dem inneren Bau
der Abwehrform, sondern nur durch den Grad ihrer Auffälligkeit bestimmen, denn
nur wenn Messies horten, haben sie ein „Symptom“. Und sie gelten von da an
als normal, wenn sie ihre gehorteten Dinge weggeworfen haben. Der Messie hat
dann seinen Mechanismus zur Zufriedenheit der Umwelt untergebracht oder
wenigstens vor ihren Blicken und Anforderungen verborgen. Das ändert allerdings
nichts an seiner inneren Angstsituation, denn dadurch, dass der Abwehrversuch
scheitert, wird die Angstentwicklung fortschreiten, direkt zum inneren Konflikt.
Die Beziehung zur Realität wird schwer gestört und die Realitätsprüfung dann
eingestellt.
Denn
die Nachgiebigkeit der Außenwelt solchen Schutzmaßnahmen gegenüber
entscheidet gelegentlich darüber, ob die Angstentwicklung an dieser Stelle
aufgehalten und im „Symptom“ gebunden wird, oder ob die Angstentwicklung
dramatisch fortschreitet, denn die daraus resultierenden Sonderbarkeiten,
Eigenarten oder Auswüchse werden sich, wenn überhaupt, nur schwer wieder zurückbilden
lassen. Meiner Meinung nach ist die Symptombildung eine Bewältigungsstrategie.
Diese Bewältigungsstrategie zu beseitigen bedeutet den Widerstand zu
manifestieren, was für die Betroffenen eine enorme Anstrengung bedeutet. Dieses
scheint dann wiederum eigene kompensatorische Wege zu gehen und deswegen werden
oft von mir folgende Beobachtungen gemacht:
Depression
- kompensatorisch - gegen - Anstrengung;
Zwänge
(Kontroll- und Waschzwänge) - kompensatorisch - gegen - Anstrengung;
Psychosomatische
Störungen, z.B.: Magenbeschwerden, Tinnitus, Schwerhörigkeit, Sucht usw. -
kompensatorisch - gegen Anstrengung – Krankheit als Möglichkeit der
Anstrengung auszuweichen.
Dieses
kann so dramatisch werden, für den Betroffenen aber auch für die Angehörigen,
dass ich allen erst einmal nur empfehlen kann, die Symptome so zu belassen oder
nur kleine Interventionen vorzunehmen. Denn oftmals sind die Arbeitsblockaden
mit unserem Verhalten gegenüber den Angehörigen eng verknüpft. Aber diese Störungen
werden, wie wir gleich sehen, nicht alle bewusst empfunden. Eine adäquate
Einschätzung dessen, was eine bestimmte Aufgabe mit sich bringt, finden wir nur
selten. Meist werden die gegebenen Schwierigkeiten entweder unterschätzt oder
überschätzt. Auch eine adäquate Bewertung der geleisteten Arbeit gibt es im
allgemeinen bei diesen Betroffenen nicht. Deswegen geraten Beziehungsmuster so
an den Rand des Erträglichen, dass irreparable Ereignisse die Folge sein können.
Viel
wichtiger ist es nämlich, zu erkennen, dass ein großer Teil dessen, was wir
mit Routinetätigkeiten bezeichnen, auf Erfahrungswissen beruht und dass ein Messie sein
Erfahrungswissen in bestimmten Situationen nicht zur Verfügung hat. Wenn
man eine Hausfrau bei ihrer Tätigkeit beobachtet (ständig wiederkehrende
Handlungen, die in die Gewohnheit übergehen), stellt man fest, dass sie gar
nicht mehr darüber nachdenken muss - es sei denn, eine Störung taucht auf oder
der Zeitplan ist schiefgelaufen. Kopf und Glieder wissen sozusagen von selbst,
was zu tun ist. Das ist wie beim Autofahren, Klavierspielen oder wie beim Atmen.
Erst wenn eine Störung des gewohnten Ablaufs vorliegt, greifen die Routinen
nicht mehr. Es muss spontan ein neuer Handlungsablauf entwickelt werden, im Rückgriff
auf frühere Erfahrungen der Problembewältigung. Man beachte, dass eine
wichtige Bedingung für die Entwicklung neuer Handlungsabläufe die Erinnerung
an frühere Erfahrungen ist. Wird die Erinnerung blockiert oder gehemmt, dann
entsteht Unsicherheit.
Für
den Umgang mit Unsicherheit gibt es verschiedene Bewältigungsstrategien. Sich
in der Weise absichern zu wollen, dass man alles aufschreibt oder sich zu merken
versucht, bedeutet langfristig eine Überforderung des Gedächtnisses. Sich
erinnern zu können, Dinge, die man einmal gelernt hat, sich in Erinnerung zu
rufen, ist ausschlaggebend für die Identitäts- und Persönlichkeitsbildung.
Gerade dies ist Messies oft verwehrt. Stabile Identität und Persönlichkeit würde
die Voraussetzung für Selbstvertrauen und das Vertrauen in andere Menschen
schaffen. Dieses erst würde die Fähigkeit zur unverzerrten Selbstwahrnehmung
ermöglichen.
Die
vielfältigen Emotionen, die vielfältigen Aspekte der Persönlichkeit können
nicht als Bestandteil eines umfassenden Ganzen angenommen werden. Neid und
Eifersucht, Enttäuschungen und Angst, Versagen und Trennung werden aus dem Bild
ausgeblendet, das der Mensch von sich selbst und der Welt hat. Die Leugnung
dieser zum Leben gehörenden Tatsachen, dieser unleugbaren Realität
menschlichen Seins, führt zu einer gravierenden Einschränkung der Persönlichkeit,
die damit zunehmend an Weite und Flexibilität verliert.
Distanz
ohne das Sich-Einlassen auf die Erfahrung führt zu einem Rückzug vor der Welt
in die autistische Ordnung und in die totale Abspaltung von der Wirklichkeit der
eigenen Gefühle. Das Ende besteht in starren Rationalisierungen, die einer
Versteinerung gleichkommen.
Verletztheit,
Ärger, Angst, Einsamkeit, Bedürftigkeit, Glück oder Wohlbefinden - all dies
sind Dinge, die wahrgenommen werden wollen. Vielen Messies fehlt ein Bewusstsein
für sich selbst (ihre Gefühle, ihre Gedanken, ihr Wissen). Sie sehen deshalb
keine Möglichkeit, sich anderen mitzuteilen. Wer sich selbst kennt, spürt,
wann er ein Bad benötigt oder wann er müde ist. Er nimmt seinen Hunger wahr
und merkt, was er mag und was er nicht mag.
Ich
ermutige Messies, wieder Kontakt zu ihren Gefühlen aufzunehmen und ihnen
Ausdruck zu verleihen - eine Fähigkeit, die im allgemeinen unterdrückt ist.
Messies können ihre inneren Bedürfnisse und das, was sie nach außen zum
Ausdruck bringen, nicht gut miteinander in Einklang bringen. Doch genau diese
Art der Übereinstimmung (Kongruenz) ist notwendig, wenn wir Nähe
zu uns selbst herstellen wollen. Die Fähigkeit zu Nähe und Bindung zu
anderen Menschen setzt Nähe zu uns selbst voraus.
Zurück
zu Inhaltsverzeichnis!
5. Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten
Die
Ursachen des Messie-Syndroms sind so vielfältig wie die Persönlichkeiten und
Schicksale der Messies. Dennoch lassen sich in all der individuellen Vielfalt
einige Konstanten ausmachen:
-
Angststörung
(Grundangst, Sozialangst oder Ängste, sozial zu scheitern)
-
Blockaden
der unbewussten Routinen (unbewusstes Erinnern)
-
Entwicklungsstörung
(fehlendes Selbstvertrauen)
-
Bindungsstörung
(mit emotionaler Bindung an Objekte)
-
Inkongruenzbedingte
Störung (Nichtübereinstimmung von Selbstbild und Selbst)
-
Verantwortungsabwehr
(und andere Formen der Abwehr)
Oftmals
ist den Betroffenen nicht bewusst, dass sie Ängste erleben. Die Handlungen können
es aber deutlich machen. Der durch unbewusst ängstliche Situationen erlebte
Stress scheint nach meiner Beobachtung ursächlich für das Blockieren der
unbewussten Routinen zu sein.
Denkbar
sind schließlich auch zusammenwirkende Effekte mehrerer Ursachen: zum Beispiel
die Unfähigkeit der Abgrenzung mit gleichzeitiger Bindung an Objekte. An
vorderster Stelle stehen Probleme mit der Informationsverarbeitung (mit dem Gedächtnis),
mit der Konzentration und mit dem Organisieren der Dinge. Die emotionale Bindung
lässt alle Objekte bedeutsam erscheinen. Die Trennung von einem Gegenstand
erlebt der Messie als Verlust. Häufig signalisieren die Dinge Sicherheit, etwas
zu haben und damit etwas zu sein. Die angehäuften Dinge wirken wie ein Bollwerk
gegen die bedrohliche Außenwelt und die anderen.
Es
gibt zahlreiche Begründungen, alle möglichen Dinge in Besitz zu nehmen und zu
behalten:
–
„Das kann ich bestimmt noch einmal gebrauchen (oder vielleicht ein
anderer)!“
–
Die Überzeugung, dass ein Gegenstand einen potentiellen Wert besitzt. So
wird Müll zur Wertstoffsammlung.
–
Die Wahrnehmung, dass einzelne Gegenstände von anderen nicht sachgemäß
entsorgt werden und dass man sich ihrer annehmen muss.
Menschen,
die sich mit Entscheidungen schwer tun (und sei es auch nur das Bestellen im
Restaurant), haben eine panische Angst, etwas falsch zu machen. So ist nicht
verwunderlich, dass viele Messies ausgeprägte Perfektionisten sind - die ihren
eigenen Anforderungen natürlich nicht gerecht werden. Sie leben in der
Vorstellung, dass eigentlich immer alles perfekt sein sollte.
Die
ebenfalls für Messies typische Vermeidungshaltung hängt mit anderen Defiziten
zusammen. Wer Schwierigkeiten hat, sich von Dingen zu trennen, meidet
Entscheidungen und versucht, unangenehmen Gefühlen und Gedanken auszuweichen.
Solange jedoch ein Messie in der Lage ist, seine Besitztümer zu ordnen und zu
sortieren, ist es relativ belanglos, wie viel er hortet. Sortierenkönnen ist
hilfreich, weil es eine Form des Integrierens darstellt.
Zuerst verschwinden in wichtigen Augenblicken die Erinnerungen. Dann
passen wir unsere Wahrnehmung in der Wohnung dem an, wie wir uns fühlen möchten.
Unser Wissen, die Gefühle und schließlich auch unsere Kommunikationsfähigkeit
schränken wir ein (aus guten Grund, wie wir meinen) und das Vermögen, uns um
unsere grundlegenden menschlichen Bedürfnisse zu kümmern, kann schließlich
versiegen.
Zurück
zu Inhaltsverzeichnis!
In
der Fachwelt ist die Diagnose „Messie-Syndrom“ bisher unbekannt. Es fehlt
ausreichendes Wissen, das eine angemessene Diagnose ermöglichen würde.
Entsprechend fehlen hinreichende Erfahrungen in der Behandlung dieser Störung.
Es
ist mein Anliegen, mit dieser Studie zu einer differenzierten Sichtweise
beizutragen. Aus den hier angeführten Erfahrungen lassen sich die folgenden
Voraussetzungen für eine erfolgversprechende Behandlung ableiten:
·
Therapeutisches
Bindungsangebot,
das die Elemente früher Mutter-Kind-Interaktionen beinhaltet.
·
Abgrenzung
und Trennung, Autonomie und Selbstverantwortung
Langfristig
angestrebte größere Eigenständigkeit, Überwindung von Ängsten vor aktiven
und passiven Trennungen sowie die Sicherung ausreichend guter Bindungen.
·
Ausführliche
Information über die Hintergründe ihres Verhaltens
Die meisten Messies
verstehen nicht, was mit ihnen geschieht und an welchen konkreten Punkten sie
vom allgemein üblichen Verhalten abweichen - zum Beispiel, wenn sie alle möglichen
Elektrosachen sammeln und horten, auch wenn sie schon lange nicht mehr der
technischen Norm entsprechen (Kabel ohne Erdung, Anschlusskabel mit längst
veralteten Steckern).
·
Vermittlung
zuverlässigen Wissens über eigene organisatorische Fähigkeiten
Messies haben von sich
die Annahme, nichts zu können, was eine normale Haushaltsführung oder auch nur
das Ablegen und Wiederfinden von Dokumenten und Papieren ermöglichen würde.
Erst auf Nachfrage, ob sie noch nie Freunden, Kindern oder Eltern bei solchen Tätigkeiten
geholfen haben, erinnern sie sich daran, dass sie das sehr wohl konnten und es
sogar als leicht und angenehm empfunden haben. Es gibt natürlich immer auch
„entschuldigende“ Erklärungen dafür, dass sie es dort geschafft haben und
dass das eigentlich eine Ausnahme war. Aber es ist wichtig, sie immer wieder an
diese Situationen zu erinnern.
·
Bejahung
der hilfreichen Funktion von Abwehr
Grundlage für eine
Haltung unablässiger und vielseitiger Förderung und Bestätigung von
Abgrenzung und Autonomie nach innen und außen ist die Berücksichtigung der
unbewussten Folgen verletzender Eingriffe in die frühkindliche
Autonomieentwicklung. Über eine lange Zeit stellten die Abwehrmechanismen einen
notwendigen und hilfreichen Schutz vor weiterer Verletzung dar.
·
Verlässlichkeit
und Berechenbarkeit des Behandlungsrahmens
Damit
kommen wir zu der Kunst der Therapie: Die Bedingungen zu schaffen, in der ein
Patient sein Bindungsbedürfnis und -gefühl entwickeln kann. Um ein
Gleichgewicht zu erreichen, auch nicht schneller vorzugehen, als der Patient es
ertragen kann, dazu wird alle Intuition und Vorstellungskraft und das ganze Einfühlungsvermögen
eines Therapeuten benötigt. Denn es sind zwei verschiedene Dinge, ob der
Therapeut sein Bestes tut, eine vertrauenswürdige, hilfreiche und beständige
Bindungsfigur zu sein, und ob der Patient ihn als solche wahrnimmt und ihm
vertraut.
Je
ungünstiger die Erfahrungen mit anderen wichtigen Menschen waren, desto weniger
leicht ist es für ihn, nun dem Therapeuten zu vertrauen, und desto leichter könnte
falsch wahrgenommen, missverstanden, missgedeutet und missinterpretiert werden,
was der Therapeut tut und sagt. Je weniger er darüber hinaus dem Therapeuten
vertrauen kann, desto weniger wird er ihm erzählen und desto schwieriger wird
es für beide Parteien sein, die schmerzhaften oder furchteinflößenden oder rätselhaften
Ereignisse zu erforschen, die in den früheren Jahren des Patienten aufgetreten
seien mögen.
Ein
Symptom der Störung ist die Selbsttäuschung. Ein Betroffener gibt nicht zu,
dass er sich nicht mehr selbst helfen kann. Jeder Patient ist also in ein mehr
oder weniger geschlossenes System eingesperrt, und nur langsam, oft in winzig
kleinen Schritten, ist es möglich, ihn daraus zu befreien. Es geht also darum,
das sich ein Patient zu einer emotional stabilen Person entwickelt und diese
emotionale Stabilität das ganze Leben hindurch funktionsfähig bleibt.
Ich
finde es nach wie vor merkwürdig, dass dieselben Wissenschaftler und
Therapeuten, die zugeben, dass sie nicht wissen, welche Ursachen diese Störung
hat und die keine Therapie für diese Menschen haben (z. B. eine, die hilft),
andererseits starrköpfig behaupten, dass das, was sie wissen, richtig ist! Ich
kann nur an alle Fachleute (auch die, die sich dafür halten) mit Blick auf die
vielen Betroffenen appellieren, sich mit Hypothesen, Deutungsversuchen und
Methoden zurückzuhalten. Denn viele dieser Versuche führen bei den Betroffenen
überwiegend zur Frustration, zum Erleben von Hoffnungslosigkeit und zum Stress.
Denn nachhaltige Veränderungen werden so in den seltensten Fällen erreicht.
Zurück
zu Inhaltsverzeichnis!
6. Was können wir in eigener Selbst-Hilfe verändern
um
das Chaos besser zu bewältigen?
„Wir
sind losgelöste Einzelwesen, eingeengt von dem Verbotenen und dem Unmöglichen,
und wir gestalten unsere hochgradig unvollkommenen Beziehungen. Wir leben, indem
wir verlieren und verlassen und uns loslösen. Und früher oder später und
unter mehr oder weniger starken Schmerzen müssen wir alle erfahren, dass
Verlust tatsächlich ‚ein
lebenslanger Zustand des Menschen‘ ist.“
Judith
Viorst (Mut zur Trennung)
Lernen, uns wieder berühren zu lassen
Ich
möchte noch einmal betonen, dass der Grad unserer inneren Stabilität davon abhängt,
wie sehr wir uns unserer Konflikte und Komplexe bewusst sind. Eine relative
Stabilität verlangt immer eine relative Bewusstheit. Die unbewussten Konflikte
unseres Erwachsenenlebens wurzeln in frühkindlichen Anpassungsmustern. Damals,
als wir uns als Kinder bestimmte Verhaltensmuster aneigneten, waren diese Muster
notwendig und angebracht. Doch in gleichem Maße, in dem sich unsere Lebensumstände
verändern, entwachsen wir unseren alten Verhaltensmustern. Bei Erwachsenen ist
die innere Stabilität vom Grad des Bewusstseins abhängig.
Den
mittlerweile fast jährlich erschienenen Büchern für Messies, die sich
ausgiebig mit dem außen sichtbaren Chaos auseinandergesetzt haben, fehlen so
grundlegende Informationen und bestimmte Perspektiven über die Wichtigkeit und
Bedeutung des Symptoms.
Wenn
Betroffene diese Verdrehung erkennen, erwacht der Protest und die Empörung und
es kann sich das Richtige herauslösen und das Gültige offenbaren, was die
Erinnerung an Gewesenes und Genommenes wecken kann. Denn die Erfahrung und
Erinnerung sind gleichermaßen nach Auskunft zu befragen, die dann den Beitrag
liefert zu gültigen Schlussfolgerungen. Im Fundus der Erinnerung, ob aufbewahrt
im Gedächtnis des Unbewussten oder sichtbar im Handeln, bekennt und erkennt der
Betroffene sich selbst. Das Sich-Selbst-Erkennen wird notwendigerweise im
wesentlichen der Identität hinzugefügt und gerade daraus ergibt sich der
Lernprozess zu jenem Charakter der reifen Persönlichkeit eines Menschen.
Messies
machen nicht mehr mit. Sie haben mittlerweile andere, nämlich ihre eigenen
Erfahrungen gewonnen. Die zunächst wichtigste Erfahrung liegt im Miteinander
von Betroffenen: „...dass man da
wirklich als ganze Person akzeptiert wird - auch wenn ich nicht nett bin, mich
widersprüchlich verhalte oder es mir schlecht geht.” Diese Antwort wird
als richtig ausgewiesen: offen zu sein und nicht abgeschlossen. Wo in der
Offenheit das Leben als Herausforderung bleibt, muss das Unzuhause im Hier doch
überwunden werden. Die Beziehung mit den anderen Betroffenen in der Gruppe hat
andere, neue Qualitäten. Wer sich verschließt, wird nie begreifen. Wo nichts
begriffen wird, ist Liebe nicht.
Ein
Mensch, der Ordnung aus dem Chaos auftauchen lassen kann, ist offen dafür, sich
sowohl von der Innen- als auch von der Außenwelt berühren zu lassen. Er ist fähig,
seine momentane Lage kritisch zu überprüfen und - unter Zuhilfenahme des
Bewusstseins - seine eigene Fähigkeit und Bereitschaft zur Anpassung zu
beurteilen. Die Auseinandersetzung mit dem
Chaos führt zu einem einzigartigen Kommunikationsprozess: zur Wiederherstellung
der Kommunikation als Mittel zur Wandlung.
Ich
glaube jetzt, dass es eine einfachere und grundsätzliche Lösung gibt, und ich
war erstaunt, dass ich in keinem dieser Bücher für Messies darüber etwas
gelesen hatte. Da das Interesse dieser Bücher in erster Linie darauf abzielt,
finanzielle Gewinne zu tätigen unter der Prämisse „Messies hilfreich zu
sein“, werden diesen Menschen Methoden übergestülpt, die nichts mit ihrem
Erleben zu tun haben.
Mir
selbst ist in einer 12-Schritte-Gruppe der AM klar geworden, dass ich auf den
falschen Weg bin, wenn ich das weitermache, was ich schon alleine versucht habe,
nur noch gesteigert durch mehr Frust, Angst und Stress in der Selbsthilfegruppe,
nämlich meinen Haushalt zu sortieren und bewältigen zu können. Ich fühlte,
dass es wichtig ist, die symptombedingte Isolation zu durchbrechen und sich neue
soziale Kontakte mit neuen kommunikativen Möglichkeiten zu erschließen.
Für
mich war es erst einmal wichtig, unterscheiden zu können, welche Einstellungen
und Verhaltensweisen konträr zu alten Einstellungen und Verhaltensweisen waren.
Es war sicherlich wenig sinnvoll, das, was ich 26 Jahre versucht hatte, in der
AM-Gruppe weiterzuverfolgen, und doch hatte diese Gruppe den positiven Effekt,
mit den ureigensten Problemen nicht alleine zu sein. Damit hörte es dann auch
schon auf und eine Persönlichkeitsentwicklung erreichte ich erst durch eine
Therapie.
Der
Erfolg in Therapien oder auch in Gruppenarbeit wird erreicht, wenn Therapeuten
oder die Selbsthilfegruppen in der Lage sind, die Symptomebene außer Acht zu
lassen, um sich den verursachenden Prozessen zuzuwenden. Die einseitige
Fixierung auf das Symptom schafft mehr Stress und führt so zur Verstärkung
psychischer Störungen oder zu psychosomatischen Störungen.
Die
Prozesse, die uns Menschen erlauben, sich in unsere soziale Umwelt zu
integrieren und durch die wechselseitige Einwirkung an Persönlichkeitsreife zu
gewinnen, können nach meiner Meinung in den Selbsthilfegruppen sehr gut geübt
werden:
1.
Dort kann das Verhalten anderer beobachtet werden, dort
werden starre Ideen und Einstellungen sichtbar und es können Rückschlüsse auf
eigene starre Muster bewusst gemacht werden.
2.
In der Gruppe können Ereignisse und Erfahrungen im Gedächtnis
festgehalten werden. Es kann darüber nachgedacht und bei neuen Ereignissen kann
mit mehr Wissen angepasster auf Konflikte reagiert werden.
3.
Dort können schließlich durch selbstentwickelte Anreize und
konsequentes Verhalten die alten Verhaltensweisen modifiziert werden.
Soziales
Lernen beruht nicht auf einseitiger, sondern auf gegenseitige Resonanz. Im
Anhang dieses Heftes befinden sich Punkte, die hilfreich bei einer
Ortsbestimmung der eigenen Persönlichkeit sein können. Eine reife Persönlichkeit
erlebt wenig Selbstunsicherheit, wenig starre Denkmuster, ein gesteigertes
konsequentes Verhalten, mehr Selbstakzeptanz bei vermeintlichen Defiziten und
die Fähigkeit, sich auf veränderte Situationen stressfrei einstellen zu können.
Zurück
zu Inhaltsverzeichnis!
Veränderung setzt Sensibilität
und Flexibilität voraus
Mir
scheint die Suche nach einem anderen Programm wichtig zu sein, das besser auf
den betreffenden Menschen und seine Bedürfnisse abgestimmt ist
und das eine hohe Toleranz beinhaltet. Oft fehlt es uns jedoch an dieser
notwendigen Offenheit. Immer wieder haben wir feststellen können, dass Menschen
dazu neigen, vor dieser Erfahrung den Rückzug in eine Welt der starren Ordnung
anzutreten, und dass der emotionale Rückzug und die Distanzierung Hand in Hand
gehen mit dem Festhalten an einem begrenzten Selbstbild. Der Mensch ist nicht
mehr fähig, das, was in ihm und um ihn herum vor sich geht, zu spüren. Da er
seine Bedürfnisse nicht wahrzunehmen vermag, kann er sie auch nicht
befriedigend erfüllen. Das ist ein scheinbar unentrinnbarer Teufelskreis!
Es
gibt Menschen, die, wenn sie mit dem Chaos konfrontiert werden, nicht mehr
fähig sind, Wege zu einer ihnen gemäßen Ordnung zu suchen. Sie haben
vielmehr das Bedürfnis, das Sicherheitsgefühl wiederherzustellen, das ihnen
eine restriktive Ordnung vermittelt. Doch häufig leiden sie an einer
tiefsitzenden Angst vor Ordnung und neigen dazu, sich auf die „feindlichen“
Ordnungskräfte zu konzentrieren. Andererseits wiederum leugnen
sie ihr persönliches Bedürfnis nach Ordnung.
Dieses Gefühlschaos führt zu einer
unklaren Selbstwahrnehmung, die für Messies charakteristisch ist.
Eine
genaue Betrachtung der Anfänge begünstigt die Entwicklung der Sensibilität.
Man beginnt, verschiedene Gefühle und Zustandsweisen wahrzunehmen. Wir
akzeptieren und untersuchen die chaotische Situation und bemühen uns, die ihr
zugrundeliegenden Muster zu klären.
Trennungsangst als
Ursache für die verschüttete (Selbst-)Wahr-nehmung
Zu
Anfang wollen wir alle unsere Schätze ganz für uns haben, darunter auch
unseren kostbarsten Schatz - die Liebe unserer Mutter. Und wir wollen auch
nicht, dass die Köstlichkeiten, die uns allein gehören, einem anderen gegeben
oder von ihm genommen werden. Nicht viele von uns erinnern sich mit Klarheit an
solche frühkindlichen Gefühle, an das Besitzstreben und die Habgier, die
unseren Hass angefeuert haben, wenn wir diese Liebe mit rivalisierenden Ansprüchen
teilen mussten. Bei der sich allmählich entwickelnden kindlichen Persönlichkeit
entsteht dadurch, dass wir das Unmögliche ersehnen und verlangen, nach einer
Liebe, die uns ganz allein gehört, eine Frustration, der im Laufe der Zeit ein
Kontrollverlust der Angst- und Schuldgefühle nachfolgen und die über das
normal Übliche hinausgeht und ein Anzeichen von psychischer Störung ist.
Kinder sind besonders anfällig für die Entwicklung von Schuldgefühlen. Dies
kann schon sehr früh beginnen, wenn ein Kind nicht erwünscht war. Es spürt
die offene oder unterschwellige Ablehnung und wird lebenslänglich glauben, sich
für sein Dasein rechtfertigen zu müssen. Diese Orientierungslosigkeit ist im
Erwachsenenleben fast unerträglich und so suchen sie immer etwas, was ihnen
Orientierung bietet.
Der
Wunsch, einzig und allein geliebt zu werden, könnte durchaus tief eingefleischt
und angeboren sein. Die fehlende befriedigende Beziehung zwischen Mutter und
Kind und das Sich-Nicht-Geborgen-Fühlen des Kindes kann unter Umständen dazu führen,
dass jegliche Kontaktfähigkeit verkümmert. Wütend und gequält und mehr oder
weniger erfolgreich lernen wir es, diesen Wunsch aufzugeben - ihn loslassen. Wir
alle haben nämlich in den ersten Monaten unseres Lebens die Illusion erfahren,
unsere Mutter ganz und gar zu besitzen. Diese Symbiose war ein alles andere
ausschließendes „Mama-und-ich“. Die Erkenntnis, dass andere gleiche oder
sogar vorrangige Ansprüche an ihre Liebe stellen, macht uns mit der Eifersucht
bekannt. Das Unbehagen, das die Eifersucht oder der Hass uns einflößt, kann
uns dazu bringen, ihn vor uns selbst und vor andern zu leugnen. Denn die Gefahr,
die Liebe unserer Mutter oder unseres Vaters zu verlieren - und später dann die
Liebe unserer Geliebten - versetzt uns in Schrecken und flößt uns Furcht ein.
Wenn wir daher den Hass spüren, müssen wir ihn gleichzeitig unterdrücken,
damit er nicht zum Verlust der Liebe führen kann. Mit Hilfe eines oder mehrerer
- meist unbewusster - Abwehrmechanismen können wir die Angst in Schach halten,
indem wir unsere gefährlichen und jetzt unerwünschten Impulse durch Gegenmaßnahmen,
Widerstand, Umwandlung oder Verdrängung loswerden.
Diese
Schutzmaßnahmen beschränken sich nicht auf frühe Verlustängste, sondern sie
dienen uns unser Leben lang und zwar immer dann, wenn ein gefürchteter oder ein
tatsächlicher Verlust unsere Angst erwachen lässt. Sie dienen uns in
Situationen, die wir unbewusst als emotional gefährlich ansehen und so wird in
Laufe der Zeit dieser Mechanismus zu einem entscheidenden Teil unseres
Charakters.
Wenn
man das Verlassenwerden oder den Verlust auf Situationen erweitert, sodass wir
den Verlust von Liebe einschließen, entsteht dadurch eine noch komplexere
Situation. Wir sollten uns nicht scheuen, von Mangel an Liebe als Ursache aller
Verlassenheitssymptome zu sprechen. Wie ist das Erleben der Kinder, die äußerlich
nie verlassen, sogar oft gehalten und getragen, und doch nicht wirklich geliebt
wurden?
Oft
ist hier nur im Atmosphärischen der Mangel an Liebe spürbar. Dieses wird aber
von Kindern intensiv empfunden, was zur Irritierung des Kindes führen kann, da
die Reaktionen und Verhaltensabfolgen, die bei Verlust normalerweise üblich
sind, in dieser Situation auf die Reaktion der Mutter treffen. So kann Wut und
destruktives Verhalten nicht ausgelebt werden, das zornige Bemühen, Zuneigung
zu bekommen, schwankt zu einer Verzweiflung, die sich in gedämpfter Trauer -
oder überhaupt nicht - äußert.
Die
Vorstellung von Messies zur sozialen Interaktion des Menschen, die auf der
Befriedigung physiologischer Bedürfnisse basiert, sieht wahrscheinlich anders
aus, und das hat Einfluss auf Verhaltensprozesse, deren Änderung als unerlässlich
erscheint. Es ist offenkundig, dass die Bedeutung der ersten menschlichen
Beziehungen, die Unvermeidbarkeit innerpsychischer Konflikte, Formen der Abwehr
gegen Ängste und Methoden der Konflikt- und Angst-Regulierung durch diese
Menschen in verschiedene soziale Reaktionen somit in ein komplexeres Ganzes
integriert werden, in denen sie mit unvereinbaren eigenen Reaktionen wie
Feindseligkeit oder Fluchtverhalten konfrontiert werden.
Das
Erleben einer Trennungsangst kann als Schlüsselproblem betrachtet werden, wenn
eine erkannte, erinnerte, erwartete Situation der Hilflosigkeit erscheint, die
sich dann damit als größte Gefahrensituation darstellt. Denn die Erfahrung der
Hilflosigkeit kann zu einem frühreifen Gefühl der Verantwortung für andere
oder zum Hervorrufen von Schuldgefühlen führen, sodass diese Menschen dazu
neigen, übergewissenhaft zu werden, unter Gefühlen zu leiden und
Angstbindungen zu entwickeln. Ist das Nicht-Erkennen, Nicht-Erinnern-Können
oder -Wollen eine Abwehrfunktion dieser Angst? Eine solche Person hat
wahrscheinlich auch ein starkes unbewusstes Verlangen nach Liebe, Akzeptanz und
Unterstützung. Vielleicht kommt in dem chaotischem Verhalten dieser Menschen
eine anomalen Form des Fürsorge auslösenden Verhaltens zum Ausdruck? Für
diese noch offenen Fragen fehlen mir bis jetzt noch plausible Antworten, bezogen
auf das Erleben von Messies.
Die
Reaktionen, wann immer eine Person sich mit einer größeren Veränderung in
ihrer Lebenssituation auseinander zusetzen hat, sind ein Gradmesser für das
Selbstvertrauen. Da sich bei geringem oder fehlendem Selbstvertrauen das
Bindungsverhalten anderen gegenüber zumeist als Angstbindung entwickelt, kommt
dem Erlernen des Vertrauens in die eigene Person große Bedeutung zu. Ein
sicheres Bindungsverhalten bedeutet auch emotionale Stabilität und mit einem
sicheren Bindungsverhalten ist es erst möglich, die emotionale Stabilität das
ganze Leben hindurch funktionsfähig zu erhalten.
Unsicheres
Bindungsverhalten verursacht emotionale Instabilität. Ein solcher Mensch bietet
ein Bild von emotionaler Selbstgenügsamkeit und selbstbewusster Unabhängigkeit.
Unter keinen Umständen wird er sich jemandem gegenüber verpflichten, und
sofern er überhaupt Beziehungen eingeht, wird er dafür Sorge tragen, dass sie
ihm nicht außer Kontrolle geraten. Die distanzierte Beziehung zu anderen und
die Art und Weise, wie man Menschen von sich fernhält, ist eine offensichtliche
Vermeidungsstrategie, die das erneute Erleben verhindern soll, verletzt, zurückgewiesen
und feindselig behandelt zu werden.
Zurück
zu Inhaltsverzeichnis!
Die
Katastrophe als erster Schritt zur Heilung
Die
Suche des Menschen nach einer organischen Beständigkeit ist ein fortwährender
und niemals abgeschlossener Prozess. In seinem Verlauf versucht der Mensch, sich
der verschiedenen Standpunkte, die in ihm vorhanden sind, bewusst zu werden.
Genauso verhält es sich mit unserer vielschichtigen Betrachtungsweise, bei der
verschiedene und oft höchst widersprüchliche Bilder zu einem größeren Ganzen
verschmelzen: Sie stimmt nicht überein mit dem Bild, das wir von uns selbst
haben. So fällt es uns schwer, die verschiedenen Aspekte zu integrieren.
Oft
werden wir erst dann, wenn das Chaos ausgebrochen ist, zur Einsicht gezwungen,
dass wir uns in einer Sackgasse befinden.
Alte,
übernommene Standpunkte erweisen sich für unsere gegenwärtigen Lebensumstände
als unzureichend. Wir müssen die natürliche Flexibilität und Dynamik unserer
Persönlichkeit zurückgewinnen. So betrachtet, können wir das Chaos als jenen
Augenblick begreifen, wo die verschiedenen Standpunkte, die wir lange unterdrückt
haben oder die uns nie bewusst geworden sind, sich manifestieren und nicht mehr
zu übersehen sind. Wir können Ereignisse aneinander reihen und ihre
Entwicklung erkennen. Sie streben eine neue und angemessenere Ordnung an, die
den veränderten gegenwärtigen Bedürfnissen entspricht.
Wir
leben keineswegs in einer heilen Welt, beschränkt in dem umgrenzten Bereich und
darauf bedacht, zu bewahren und sich des Wenigen durch ängstliche Abwehr zu
versichern. Deshalb haben wir aufgehört zu
denken und zu leben. Sicherheit, Geborgenheit, Anerkennung, das alles ist
zusammengesackt und die eigene Behausung ist eingestürzt. Durch die Latten
pfeift der Wind einer unbekannten Leere, ...Raum ohne Spielregeln, ...Versuch
freizukommen. Doch Abwehr macht jegliche
Einsicht zunichte. Die Gefahr wird im Verlust erlebt und bedrohlich
erscheint uns das Gefühl, dass uns unkontrollierbare Sehnsüchte schmerzen, und
weil wir erleben: „dass ich mich auf
nichts und niemanden außerhalb von mir verlassen kann.“ „Das tiefe Bedürfnis
nach einer neuen Kommunikation muss sich erst einen mühsamen Weg durch das
Gestrüpp der unbewusst verankerten Ängsten und Abwehrformen bahnen.“
Denn
wenn wir uns auf diesen Kommunikationsprozess einlassen können, wird eine
Wandlung möglich: andere Standpunkte bewusst zu reflektieren und die Bemühungen
um angemessene und befriedigende Handlungs- und Reaktionsmuster im Hier und
Jetzt zu berücksichtigen. Auf diese Weise wird unser Erleben dynamisch und trägt
dazu bei, dass wir uns neuen Lebensumständen anpassen. Mit genügend innerem
Abstand sind wir fähig, Ereignisse zu prüfen und ihre logischen Zusammenhänge
zu erkennen, also Abstand zu gewinnen, um im Chaos die Ordnung zu erkennen und
das Chaos ordnen zu können.
Zurück
zu Inhaltsverzeichnis!
Zum Schluss möchte ich noch einmal anhand
einer kurzen Geschichte deutlich machen, welche
Fragen sich jeder Messie stellen sollte, wenn ihn seine Probleme zu überrollen
drohen:
Ein
Offizier der amerikanischen Armee interessierte sich vor vielen Jahren für ein
Phänomen beim Salutfeuer mit einem alten Geschütz. Klar, ein so mächtiges
Geschütz muss von einer Mannschaft bedient werden. Merkwürdig fand er nur,
dass sich bei diesem streng reglementierten Verfahren zwei Mannschaftsmitglieder
immer in einer ganz bestimmten Entfernung weit hinter dem Geschütz aufstellen
mussten, ohne ersichtlichen Grund. Was sollten diese Männer da?
Der
Offizier forschte in den Archiven. Er erkundete den Ursprung dieses
reglementierten Verfahrens mit der paradoxen Anordnung des Standortes dieser
beiden Männer, die an dieser Stelle nichts taten und deren Anwesenheit dort
vollkommen nutzlos erschien. Er konnte dieses Ritual über viele Jahrzehnte zurückverfolgen
und fand schließlich des Rätsels Lösung: Diese beiden Männer sollten die
Pferde halten.
Der
wissensdurstige Offizier, der Erkundungen nach dem „WARUM“ anstellte, kann
uns als Vorbild dienen. Wenn wir Erkundigungen darüber anstellen, was mit uns
los ist, dann können wir unser Verhalten besser steuern. Wir wollen nicht in
die Lage geraten, die „PFERDE HALTEN“ zu müssen, die aus vergangenen
seelischen Verletzungen oder gegenwärtigen Belastungen resultieren. Mit etwas
Geschick und einer gehörigen Portion Stehvermögen kann es uns gelingen, die
Pferde laufen zu lassen.
Wir sind dazu fähig, die Pferde nicht mehr
festhalten zu müssen, vor allen Dingen dann, wenn in der heutigen Zeit überhaupt
keine Pferde mehr notwendig sind!
Zurück
zu Inhaltsverzeichnis!
Anhang:
Erwachsenwerden
als Ziel
(Dieser und der folgende Abschnitt sind
entnommen aus: Ursula Nuber "Die schwierige Kunst, ein Erwachsener zu
sein", Psychologie Heute, April 2001)
Das postmoderne,
unsichere Leben lässt sich als Erwachsener leichter meistern, die neuen
Herausforderungen der Lebenszyklen besser bewältigen.
Im Erwachsensein liegt die Lösung vieler Probleme.
Der Philosoph und
Sozialwissenschaftler Frederic M. Hudson hat eine umfangreiche Liste von
Eigenschaften vorgelegt. Danach ist eine Person erwachsen, wenn sie
·
über
ein hohes Maß an Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein verfügt
·
anderen
interessiert und objektiv zuhören kann
·
ihren
Gefühlen angemessen Ausdruck verleiht
·
fähig
ist, Dankbarkeit und Anerkennung auszudrücken
·
zwischen
Wichtigem und Unwichtigem unterscheiden kann
·
weiß,
dass sie Autorität besitzt; sie stellt ihr Licht nicht unter den Scheffel, ist
·
Kritik
ertragen und Kritik üben kann
·
immer
wieder über den Sinn ihres Lebens nachdenkt
·
sich
bemüht, angemessene Lösungen für Probleme zu finden, und diese Aufgabe nicht
an andere delegiert
·
kooperativ
und teamfähig ist
·
auf
haltgebende Rituale in ihrem Leben achtet
·
zukunftsorientiert
ist
·
die
„Feste feiert, wie sie fallen“ und dafür sorgt, dass Freude in ihrem Leben
nicht zu kurz kommt
·
sich
auf intime Bindungen einlässt, womit Liebesbeziehungen ebenso gemeint sind wie
Freundschaften
·
in
der Lage ist, „nein“ zu sagen
·
kompromissbereit
ist, aber nicht konformistisch
·
auf
Veränderungen vorbereitet ist
·
den
Status quo immer wieder in Frage stellt
·
keine
Angst hat, Fehler zu machen, und Fehler auch bei anderen toleriert
·
immer
auf der Suche nach neuen Ressourcen und Informationen ist, die sie bei der Bewältigung
der Lebenszyklen unterstützen können.
Sieben Aufgaben zur Selbst-Hilfe
Dass all diese Eigenschaften nicht
schlagartig bis zu einem gewissen Alter erworben werden können, ist jedem klar.
Doch wir können dem Ziel „Erwachsensein“ näher kommen, wenn wir in den
aufeinanderfolgenden Zyklen unseres Lebensweges beharrlich an folgenden sieben
Aufgaben arbeiten:
1.
Lerne Geduld
Weil
das zyklische Modell des Lebenslaufes immer wieder neue Herausforderungen für
uns bereithält, brauchen wir viel Geduld, um Lebensübergänge zu meistern.
„Lebensübergänge bedeuten, dass sich Rollen ändern, unsere Identität sich
auflöst und wir ganz neue Dimensionen unseres Selbst entdecken“, erklärt
Frederic M. Hudson. „Entgegen den Hoffnungen der meisten Menschen sind Lebensübergänge
keine kurze Periode. Die Entwicklung von dem Mensch, der man ist, zu dem, der
man sein wird, braucht Zeit. Es ist ein emotionaler und reflektierender Prozess,
der viele Monate oder gar Jahre in Anspruch nimmt.“
Die
„neuen Erwachsenen“ scheinen dies intuitiv zu wissen. Sie lassen sich Zeit:
Wenn die Jugendphase vorüber ist, ziehen sie sich nicht sofort den
Erwachsenen-Schuh an, sondern gönnen sich ein ziemlich ausgedehntes Moratorium.
Zurück
zu Inhaltsverzeichnis!
Zurück
zu Inhaltsverzeichnis!
2.
Lerne Autonomie
Autonomie
bedeutet nicht „die Freiheit, sich und anderen ständig Beweise der Stärke
und Überlegenheit liefern zu müssen“, erklärt der Psychoanalytiker Arno
Gruen. Für ihn ist ein Mensch autonom, wenn er „in voller Übereinstimmung
mit seinen eigenen Gefühlen und Bedürfnissen ist“. Wer erwachsen ist, kann
akzeptieren, dass er ein eigenständiges, von anderen unabhängiges Wesen ist
und dass andere wiederum unabhängig von ihm existieren.
Das
Gefühl „Ich bin hier, und du bist dort“ halten die amerikanischen Autoren
Fran und Louis Cox für das „wichtigste Prinzip des Erwachsenseins“. Ein
Mensch ist ihrer Ansicht nach so lange nicht erwachsen, wie er nicht seine
innere Unabhängigkeit von anderen entwickelt hat. Die Erkenntnis, dass man ein
eigenständiges Ich besitzt, gibt einem Sicherheit. Erwachsene müssen sich
nicht ständig mit anderen vergleichen. Sie müssen sich ihren Wert auch nicht
dadurch beweisen, dass sie anderen zu Gefallen sind. Ein Erwachsener fühlt sich
sicher und wertvoll, während ein Nichterwachsener eine grundlegende
Unsicherheit niemals richtig los wird. Er ist von der Meinung anderer abhängig,
lässt es zu, dass ihn deren Urteile und Handlungen in seinem Selbstwertgefühl
beeinflussen.
Menschen,
die ein starkes Gefühl für ihr eigenes Selbst haben, die ihren eigenen Wert
kennen, bleiben auch in Situationen, in denen sie sich von anderen angegriffen
oder herabgesetzt fühlen, gelassen. Die Gelassenheit ist ein Ausdruck innerer
Reife, niemand kann ihre Integrität verletzen. An einem Beispiel aus seinem
Alltag schildert das Autorenpaar Cox, wie geschützt ein autonomer Mensch selbst
in Ausnahmesituationen ist: Fran Cox erhielt einen anonymen Anruf. Der Mann am
anderen Ende der Leitung drohte ihr: „Ich weiß, wo du wohnst, und ich werde
dich töten“. Ohne groß nachzudenken, antwortete Fran Cox gelassen: „Tut
mir leid, sie müssen sich verwählt haben“.
3.
Lerne, das Älterwerden zu akzeptieren
Wirklich
erwachsene Menschen klammern sich nicht an Jugendlichkeit. „Es gibt
Erwachsene, die werden zu lächerlichen Jugendkarikaturen und merken es selber
nicht“, sagt die Züricher Psychologin und Buchautorin Eva Zeltner. „Der
ewigen Jugend hinterher zu hecheln ist nicht gerade erwachsenes Verhalten. Wir
sollten uns weniger darüber freuen, dass wir uns gut gehalten haben, sondern
mehr Achtung vor unserer Reife und Lebenserfahrung entwickeln.“
4.
Lerne, Verantwortung zu übernehmen
Erwachsene
stilisieren sich nicht als Opfer. Sie machen beispielsweise nicht ihre Eltern
dafür verantwortlich, wenn in ihrem Leben etwas nicht nach ihren Vorstellungen
verläuft, sondern sehen die primäre Verantwortung für das eigene Leben bei
sich selbst. Sie bemühen sich, ihre Eltern zu verstehen und es ihnen
nachzusehen, dass sie keine perfekten Eltern sein konnten.
5. Lerne, für die Generationen
nach dir zu sorgen
Der
Lebenslaufforscher Erik H. Erikson hielt „Generativität“ für ein
bedeutsames Element des Erwachsenenlebens: Sie „ist in erster Linie das
Interesse an der nächsten Generation, wenn es auch Menschen gibt, die wegen
unglücklicher Umstände oder aufgrund besonderer Gaben diesen Trieb nicht auf
ein Kind, sondern auf eine andere schöpferische Leistung richten, die ihren
Teil an elterlicher Verantwortung absorbieren kann“. Der Psychologe John Kotre
unterscheidet daher zwischen biologischer Generativität, (eigene Kinder großziehen),
elterlicher Generativität (sich um fremde Kinder kümmern), technischer
Generativität (Fertigkeiten und Wissen an die nächste Generation vermitteln)
und kultureller Generativität (kulturelle Werte weitergeben).
6.
Lerne, deine Geschlechtsrolle infrage zu stellen
Die
Geschlechtsrollen, die noch unsere Väter und Mütter vorlebten, sind für uns
nicht mehr tauglich. Es ist schon lange nicht mehr nur dem Mann vorbehalten,
hinaus ins feindliche Leben zu marschieren, und Frauen beschränken sich nicht
mehr auf die Rolle der treu sorgenden Ehefrau und Mutter. Wohl in keinem anderen
Lebensbereich sind Erwachsene heute so aufs Experimentieren angewiesen wie in
diesem. Was heißt heute „männlich“? Was
ist „weiblich“? Frank Pittman rät verunsicherten Männern, denen der eigene
Vater in der Regel kein Vorbild sein kann, genau das zu tun, was dieser empört
als „Frauensache“ von sich gewiesen hätte: zärtlich sein, weinen, einen
romantischen Film anschauen, Wäsche waschen, das Kind wickeln und
beispielsweise Frauenliteratur lesen. „So befreien Sie sich von alten
Geschlechtsklischees. Und keine Angst: Sie büßen dabei keinen Tropfen
Testosteron und auch kein Y-Chromosom ein“, versichert der Psychotherapeut.
Frauen
empfiehlt er, das eigene Geschlecht vorbehaltlos zu akzeptieren und Männer
weniger ernst zu nehmen. Frauen sollten etwas in ihrem Leben finden, das ihnen
ein Gefühl von Einfluss und Stärke verleiht. Niemals sollte sich eine
erwachsene Frau über die Beziehung zu einem Mann definieren: „Sie dürfen
sich lieben und unterstützen lassen von einem Mann. Aber niemals dürfen sie
sich von einem Mann definieren lassen.“
7.
Lerne, aus der Unsicherheit eine Tugend zu machen
Menschen
sollten nach Ansicht des Dichters John Keats fähig sein, „in der
Ungewissheit, dem Geheimnis, dem Zweifel zu verharren, ohne ungeduldig nach
Tatsachen oder Begründungen zu streben“. Diese Haltung sollten sich
Erwachsene, die „neue“ Erwachsene sein wollen, zu eigen machen. Wer
Ambivalenzen, widersprüchliche Gefühle ertragen kann, wer nicht auf „Nummer
Sicher“ gehen muss, wer aus der Orientierungslosigkeit eine Tugend macht, der
ist bestens gerüstet für den langen, gewundenen Weg zum reifen Erwachsenen.
Wenn
wir in diesem Sinne erwachsen werden, ohne uns von den „alten“ Erwachsenen
den Schneid abkaufen zu lassen, dann haben wir auch die Freiheit, uns hin und
wieder eine Auszeit vom Erwachsensein zu genehmigen. Rückfälle in kindliche
Hilflosigkeit oder jugendliche Rebellion sind in diesem Leben, das sich ständig
neu formiert, nicht nur erlaubt, sondern auch notwendig. Erwachsensein ist
weniger schwer, wenn wir ab und zu unseren Rücktritt davon erklären.
Gehen wir
spielen!
Zurück
zu Inhaltsverzeichnis!
Für die
freundliche Erlaubnis zum Abdruck des Titel-Bildes
„Chaos Küche“
danken wir MARCUS
LANGER
Luebbelstr. 7 –
33602 Bielefeld
Tel. :
0521-121253
nach
oben
| |
|